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Wahnsinn: „Die Welt ist von Verrückten bevölkert“

Hameln. Ein Erlebnis - Joachim Bliese als Minetti in Thomas Bernhards Portrait des Schauspielers am Freitagabend im Theater Hameln - und von Minetti als Minetti zu Joachim Bliese, der Minetti als Minetti spielt, wie unser Kritiker Richard Peter in seiner Besprechung schreibt. Allgegenwärtig der von Bernhard immer wieder beschworene alltägliche Wahnsinn und der General-Verdacht "Die Welt ist von Verrückten bevölkert". Ein furioser Theaterabend mit dem überragenden Bliese als Minetti, esse Biografie mit dem Stück allerdings nichts gemein hat. Fiktion und Anlass mit Theater und Schauspiel zu spielen.

veröffentlicht am 19.02.2012 um 16:12 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 16:21 Uhr

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Von Richard Peter

Hameln. Das Faszinosum: ein Schauspieler als Schauspieler, Minetti als Minetti – auch wenn der, auf der Bernhardschen Bühne nichts mit sich zu tun hat. Nichts als Bewunderung, die Anlass wurde. Es geht um Schauspieler in Thomas Bernhards Portrait „Minetti“, den er als „wahrscheinlich größten spielenden und also lebenden und also unseren bühnendramatischen Wahnsinn verhexenden Schauspieler“ bezeichnete, den er ausnutzen wollte, bevor er nicht mehr ausgenutzt werden kann. Das war 1976.
 So musste der „elementare Geistestheaterkopf“ die Vorlage für Bernhard abgeben, dem es, wie so oft, fast immer eigentlich, um Bernhard geht, diesen „Salzburger Korinthen kackenden Schmähsabberer“, wie er einmal so uncharmant genannt wurde. Bernhardsche Kernsätze, die er Minetti in den Mund legt: „Der größte Feind des Schauspielers ist das Publikum“ und Schauspielkunst als „hinterhältige Kunst“ bezeichnet und immer wieder der innewohnende allgegenwärtige Wahnsinn beschworen und als General-Verdacht: „Die Welt ist von Verrückten bevölkert“.
 Eine simple Geschichte als Nährboden. Minetti auf Einladung des Flensburger Schauspieldirektors in der Silvesternacht in einem Hotel in Oostende. Es geht um Shakespeares „Lear“, den der Schauspieler zum 200. Jubiläum des Theaters spielen soll. Nach 30 Jahren Abstinenz, die er bei seiner Schwester in „Einzelhaft in Dinkelsbühl“ vegetierte. Aber immerhin wöchentlich seine Paraderolle repetierte, mal auf Deutsch, mal auf Englisch. Dabei hasst er Klassiker, hat sie als Lübecker Intendant einfach vom Spielplan gestrichen, „Lear“ ausgenommen – was zu seinem Rausschmiss und dem Ende seiner Karriere führte. Erhoffter Neustart nun mit dem Sagenkönig, der auf die falschen Töchter gesetzt hatte – und als das Besondere: Spiel in einer Maske, die James Ensor extra für ihn entworfen und gestaltet hatte.
 Joachim Bliese als Minetti – und das Stück eine Schraube weiter gedreht von Minetti als Minetti zu Bliese, der Minetti als Minetti spielt. Ein einsamer Monomane, der sich im theatralischen Schmerz wohlig eingerichtet hat. Ein Spieler, der sich ständig repetiert – die alten Geschichten immer und immer wieder und von Mal zu Mal erstaunter wiederholt. Der Klängen nachhört, eine neue Farbe gibt, verliebt in die eigenen Sätze, in seine Ausbrüche. Auch dann verliebt, wenn die Worte gebrochen – zum Verwechseln echt – über die Rampe kommen. Eine grandiose Leistung. Virtuos jede der abrufbaren Nuancen – polternd im Stakkato, flüsternd, zärtlich, hinterfragend und immer überzeugt. Und erschütternd, wenn er „Lear“ rezitierend brabbelt „thou wert better in a grave than to answer with thy uncover’d body...“ und flüsternd wiederholt: „Du wärst besser in einem Grab als mit deinem unbedeckten Körper“.
 Ein gewaltiger Monolog – an eine Frau (Andrea Gerhard) und dann an ein junges Mädchen (Uta Stammer) gerichtet, die manchmal zuhören, aber eigentlich nur Alibi-Funktion haben. Dieser Minetti würde seine Geschichte auch ohne sie durchkauen und wiederkäuen. Und Wiederholung nicht nur als Stilmittel. Auch Verengung. Und ist es schon Wahnsinn, wie Hamlet sagt, hat es doch Methode.
 Ein furioser Theaterabend, der dem Regisseur Hajo Kurzenberger hier mit dem überragenden Joachim Bliese – und das muss es wohl sein, wenn man Minetti spielt – beglückend gelungen ist.

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