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Vorhang auf für die Vergangenheit

Hameln. Auf den ersten Blick ist es eine ganz normale Tür: grau, robust, aus Metall und mit schwarzer Türklinke. Nichts Besonderes, wie es scheint. Doch das täuscht. „Das hier ist eine schwere Brandschutztür“, erklärt Andreas Lask und schiebt einen seiner vielen Schlüssel ins Schloss, „die stammt noch aus den 1950er Jahren.“ Wer vor ihr steht, befindet sich in der Theaterkantine, einem unverkennbaren Relikt von 1953. Lask schließt scheppernd auf, das Band am Schlüsselklumpen schaukelt. Wer durch die Tür tritt, landet in einem modernen, betonierten Kellerraum. Hier unter dem Zuschauerraum atmet die Lüftungsanlage, die erst 1990 eingebaut worden ist.

veröffentlicht am 01.01.2013 um 18:39 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 07:41 Uhr

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Autor:

Julia Marre
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Situationen wie jene auf der Türschwelle erlebt permanent, wer sich in den Katakomben, Garderoben, Keller- und Bodenräumen des Theaters umsieht: Alt trifft Neu. Neu trifft Alt. Gemeinsam gehen sie Hand in Hand – und können gar nicht mehr ohneeinander. Die Brandschutztür in der Kantine ist – wie viele andere Türen im Haus – ein Indiz dafür, dass der Übergang von damals zu heute am Theater Hameln gut funktioniert hat.

„Hier ist auf der einen Seite alles noch im Originalzustand, auf der anderen Seite ist alles neu“, sagt Andreas Lask und klopft mit der flachen Hand auf die Betonwand. Seit 32 Jahren arbeitet er als Bühnentechniker, seit zwei Jahren als Technischer Leiter am Theater Hameln. Eine Frage, auf die er keine Antwort weiß, scheint es nicht zu geben. „Ich muss die Baugeschichte des Hauses auf dem Zettel haben“, sagt er. Er kennt die Unterlagen für all die Maschinen – für den Fall, „dass mal was damit ist“.

Schon in ihrer ersten Saison 1953 standen auf dem Programm der Weserbergland-Festhalle 130 Aufführungen und Konzerte im Großen Haus. Hinzu kamen Studio-Aufführungen im Kleinen Haus, dem heutigen Weserberglandzentrum. 4751 Vorstellungen und 38 Jahre später war erst einmal Pause. Renovierungspause.

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Am 6. Juni 1990 fiel der letzte Vorhang. 3,3 Millionen Besucher waren bis dahin durchs Foyer flaniert. Die Zwangspause, während der sich Bagger durch den Zuschauerraum gruben, dauerte 15 Monate an. Die Technik wurde überholt; Lichter und Beleuchtungsanlagen komplett erneuert, der Saal von innen neu ausgebaut. Das sieht, wer über dem Zuschauerraum den Dachboden erkundet. Das merkt aber nicht, wer im seit 21 Jahren blau gestrichenen und vertäfelten Saal sitzt.

„Die Fassade und das Bühnenhaus sind noch alt“, erklärt Lask und steckt eine Hand in seine Hosentasche. „Neu gemacht wurde zum Beispiel das Foyer.“ Säulen und Lampen, geschwungene Treppenaufgänge und Garderoben seien hier geblieben – „das gehört zum Denkmalschutzkonzept“. Hinzu gekommen sind der indigoblaue Teppich sowie das blau-weiße Farbkonzept. Gegen gläserne Außentüren ausgetauscht wurden die Bullaugen-Türen.

Im engen Raum zwischen den Eingangstüren, wo heute Flyer gelagert werden und Poster von kommenden Aufführungen erzählen, war bis 1990 die Theaterkasse untergebracht. Lask schließt auf und zeigt in das enge Zimmerchen. „Naja“, sagt er und deutet auf den geringen Platz, „damals brauchten die Mitarbeiterinnen ja nur die Karten, Geld und vielleicht mal einen Stift.“ Er schließt ab. Heute befindet sich die Theaterkasse im Anbau, in dem drei Arbeitsplätze eingerichtet sind.

Es gibt nicht nur alte Steine und neue Steine im Gebäude zu entdecken. Wer den Charme der Nachkriegsarchitektur spüren möchte, braucht nirgends lange zu suchen. Die meisten der Schilder und Beschriftungen im Foyer sind ebenso alt wie das gesamte Haus. Das mag auf manch einen Besucher altmodisch wirken. Vieles jedoch wird er auf den ersten Blick gar nicht als 60-jährig ausmachen können.

Dass das Theater Hameln architektonisch – wie etwa die Berliner Volksbühne – der Volkstheatertradition der 50er Jahre zuzuordnen ist, ist hinsichtlich der Saalaufteilung unverkennbar. Die Hochkultur, sie wird in der Nachkriegszeit in Deutschland demokratisiert – das bedeutet: Im Theater Hameln gab es damals wie heute keine Logen für Besserverdiener. Dass jeder angesprochen werden sollte, zeigte 1953 der Name: Die Weserbergland-Festhalle war konzipiert als Kulturhaus für alle Bürger im Landkreis – und darüber hinaus. Dass heute noch jeder angesprochen wird, zeigt der überaus vielfältige, ausgewogene Spielplan.

Andreas Lask öffnet eine Tür, deren Klinke sich prominente Schauspieler sonst in die Hand geben: die der Künstlergarderoben und -waschräumen. Hier ist vieles noch alt. Sehr alt. Nicht mehr jede der hölzernen Türen auf den Mitarbeitertoiletten lässt sich abschließen. An den meisten jedoch zeigt das Schloss in historischer Schrift an, ob „FREI“ oder „BESETZT“ ist. Lask ist ein Liebhaber alter Möbel. „Wenn hier mal die Toiletten renoviert werden sollten, nehme ich mir eine dieser Türen mit“, sagt er, dreht am defekten Schloss und schwärmt: „Die sind doch zu schön!“

Dann zieht er den Reißverschluss seiner schwarzen Fleecejacke höher und schließt erneut eine Tür auf. Es geht ins Treppenhaus hinauf zum Schnürboden in 12,72 Meter Höhe. Und noch höher – über eine Leiter auf den Gitterrostboden. Hier, 15 Meter über der Bühne, sieht alles weit entfernt aus, was unten passiert. „Früher, in den 50ern, war diese Decke komplett aus Holz“, sagt Lask. Die Gitterrostböden sind neu. 150 Seile sind durch die Dunkelheit gespannt; sie heben und senken die Züge und Gerüste, Scheinwerfer und Seitenvorhänge. Mittendrin: ein Gewichtschlitten. „Die Sicherheitstechnik der 50er Jahre funktioniert mit Eigengewicht“, erklärt Lask. So könnte sogar bei einem Stromausfall der 7,5 Tonnen schwere Eiserne Vorhang heruntergelassen werden. „Funktion, Ästhetik und Brandschutz sind die drei Kategorien, in denen ein Technischer Leiter denkt“, erklärt Lask. Bei ihm gehört auch noch ein bisschen Nostalgie dazu.

Die Tür zum Schnürboden schließt der Technische Leiter hinter sich ab. Dann geht es abwärts zu einer anderen Maschine im Rentenalter: dem mechanischen Bühnenstellwerk. Auf mehreren Walzen lassen sich mit Feststellern die Lichtstimmungen für die Bühne manuell regeln. „Heute gibt es dafür eine ‚Go‘-Taste“, sagt Lask und lächelt. „Früher musste man mit diesen Widerständen die Scheinwerfer regeln.“ Er dreht und zieht an einem der Feststeller, der sich kaum noch bewegen lässt. „Das war händische Arbeit für zwei Leute, just in time!“ Heute werden Licht und Ton vom Regieraum aus eingestellt. Per Knopfdruck.

Schon als das Theater am 14. September 1991 wiedereröffnet wurde, gehörte das Stellwerk zur Geschichte. Heute wird es noch bei Besucherführungen gezeigt. Ebenso wie Andreas Lasks liebste technische Einrichtung: die Donnermaschine. Kaum hat er sich ihr genähert, kurbelt er bereits am Rad. Es dauert nicht lange und ein lauter Sturm zieht auf im Bühnenhaus. Regen prasselt. Erst vor wenigen Wochen, als der NDR die Aufzeichnung der Satiresendung „Intensivstation“ vorbereitete, ließ es Lask mit der Wettermaschine gewaltig krachen und donnern – aus Spaß. „Die haben sich alle ganz schön erschrocken“, berichtet er, grinst und stellt die Maschine wieder aus. Er hat sie wieder flottgemacht.

Heute vor 60 Jahren, am 2. Januar 1953, wurde die Weserbergland-Festhalle eingeweiht – mit mehr als 800 Ehrengästen. Auch heute wird im ausverkauften Saal gefeiert. Aber was ist nach der Renovierung überhaupt noch übrig vom ursprünglichen Theatergebäude? Eine Spurensuche.

Bis Ende der 50er Jahre war nicht viel los in der Nachbarschaft der Weserbergland-Festhalle.

Foto: Archiv



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