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„Chuzpe“ – ein witziger Abend

Von Liebe umzingelt

HAMELN. „Chuzpe“, der Roman von Lily Brett, wurde von den Hamburger Kammerspielen auf die Hamelner Bühne gebracht. Ein ebenso witziger wie anrührender Theaterabend – mit ein paar Längen.

veröffentlicht am 09.04.2017 um 20:04 Uhr

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Autor

Richard Peter Reporter
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„Chuzpe“, das ist nebbich: a Frechheit mit a bissel Bewunderung unterlegt und garniert. Was auch für die „Klopschki“, also unsere Klopse, gilt und doppeldeutig ist: „You Gotta Have Balls. Als Roman ein seltener Glücksfall, der einen für Tage glücklich machte. Zu einem – zumindest temporär – besseren Menschen. Und die Welt lächelnd besehen, auch wenn es weltpolitisch schon damals wenig zu lächeln gab.

Kein wirkliches Bühnenstück, aber ein mögliches. Und das, weil Joachim Bliese den 87-jährigen Edek Rothwax spielt, dem im fernen Australien die Freunde weggestorben sind. Jetzt ist er bei Töchterchen Ruth in New York. Macht sich nützlich, kauft wie weiland Loriot in „Ödipussi“ alles en gros, um via Masse zu sparen. Kein Mensch braucht so viel Senf, wie er einlagert, oder: so viel Papier, auch nicht solches fürs Klo. Papa nervt, weil er es so gut und eifrig meint. Tochter Ruth ist ein Kontrollfreak. Ihr Mann, für ein halbes Jahr nach Australien verschlagen, dafür der australische Papa in New York, und beide selbstständige Individuen ohne Rückmeldungen an Ruth. Leichte Krisen. Dann kommen zwei Polinnen aus Zopot. Zofia und Walentyna beziehen mit Edek eine gemeinsame Wohnung und eröffnen ein Restaurant. Mit nichts als Klopsen auf der Karte und dem alten Herrn als Ober. Eine Art Ober aller Ober, auch für die „New York Times“. Was eigentlich nicht funktionieren kann, wird zum Überraschungshit. Ein Steven Spielberg ist hier zu Gast. Was man den „American Dream“ nennt in Reinkultur. Auch ohne Tellerwäscher. Und alles „von Liebe umzingelt“.

Töchterchen Ruth ist Ulrike Folkerts, dank Tatort einer der beliebtesten Stars. Viele haben das Theater sicher wegen ihr gefüllt. Dabei: eine eher undankbare Rolle, die allemal im Schatten der Lichtfigur Edek mit Joachim Biese steht – und der: von der Bühne zu küssen. Ein alter Charmeur, der das Leben lebt – sanft und entschieden. Ulrike Fokerts – zweifelsohne eine blendende Darstellerin. In der Doppelfunktion als Figur und quasi Moderatorin allerdings kein Cherub. Freundin Sonia mit Meike Harten besetzt als wandelnde Vernunft und Widerpart. Eine Weltbürgerin, bei der sich Wunsch und Ratio die Waage halten. Rabea Lübbe als Faktotum Max und als Expertin wie so viele Experten: total daneben. Angelika Bartsch als Zofia, die Klopschki-Meisterin, die beim Sex gerne die Beine um Edek schlingt. Dazu Monika Häckermann als Walentyna. Das alles unter der Regie von Henning Bock – schlicht solide.

Wer „Chuzpe“ gelesen hat, ist vielleicht ein bisschen enttäuscht, weil ihm der Zauber der Geschichte fehlte, den nur Joachim Biese als Edek so unendlich liebenswert verströmte.

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