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„Der blaue Engel“ mit Gerd Silberbauer als Professor Unrat im Theater Hameln zu Gast

Von Kopf bis Fuß auf Tingel-Tangel eingestellt

Hameln. Es sollte einer der großen Jannings-Filme werden – und wurde überraschend: ein Marlene-Dietrich-Film. Eine junge, bis dato unbekannte Schauspielerin, stahl dem Ufa-Star, der drei Jahre zuvor den erstmals vergebenen „Oscar“ gewonnen hatte, die Show. Start für eine einzigartige Karriere. Die Vorlage für den 1930 uraufgeführten Film, der als „Der blaue Engel“ Geschichte schrieb, war Heinrich Manns Roman „Professor Unrat“. Seitdem ist das Thema mehrfach verfilmt worden – doch der Erfolg ließ sich nicht wiederholen. Jetzt hat der Stoff in einer Bearbeitung von Peter Turrini auf die Bühne gefunden und hält sich, wenn auch nicht streng, an Josef von Sternbergs geniale Verfilmung, ohne allerdings besetzungsmäßig mithalten zu können. Zwei Schüler nur in einer Klasse, das lässt sich nicht so gut kaschieren wie die fehlenden „Blaue-Engel“-Besucher, die geschickt durch das reale Theaterpublikum und Geräuschkulisse ersetzt werden. Tingel-Tangel in schönster Blüte. Und der unaufhaltsame Abstieg eines Pädagogen der preußischen Zucht-Ära. Ab ins Kabuff.

veröffentlicht am 18.03.2012 um 13:41 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 13:21 Uhr

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Autor:

Richard Peter
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Auch am Freitagabend im ausverkauften Theater stand ein Star als Professor Rath auf der Bühne. Gerd Silberbauer, Chef der Soko 5113 aus dem ZDF-Vorabendprogramm jeweils am Montag, gehört zu den eher leisen, subtilen Schauspielern, die ihr Herz hinter Ironie verbergen. Als Unrat mimt er den Berserker, der sich brüllend und fuchtelnd austobt und vorzugsweise außer sich ist. Kein souveräner Tyrann, der recht hat, weil er immer recht hat und schon darum die Stimme nicht heben müsste, vor allem nicht so exzessiv. Seinen Charme spielt er erst aus, wenn er bei Lola den Professor Professor sein lässt und von der Liebe gleichermaßen gezähmt, wie gebeutelt wird. Schauspielerisch glänzend gelöst, sein so tragischer Zusammenbruch als verspotteter Clown vor heimischem Publikum.

Stefanie Mendoni als Lola. Ihr fehlt, was die Dietrich in so reichem Maße besaß, diese gewisse laszive Wurschtigkeit, die so aufreizend wirkt. Sie markierte scheinbar, brillierte mit Passivität. Sie war nur da –, aber was heißt, schon „nur“. Die Mendoni strengt sich an. Aber dann müssten die berühmten Songs von Kopf bis Fuß brillanter kommen – und die Lola wäre längst nicht mehr im „Blauen Engel“. Ein Dilemma. So sympathisch, dass Frank Matthus als Regisseur darauf verzichtet hat, dem Film Konkurrenz machen zu wollen: So ganz lassen sich die Figuren nicht austauschen.

Dafür gekonnte Schmiere: Peter Schmidt-Pavloff mit seinen abgestandenen Witzen und Zoten – wunderbar in der Wiederholung – als Conférencier und perfekt: Judith Steinhäuser als bodenständige Guste und das, was man bewundernd als Theaterpferd bezeichnet. Bezaubernder Clown mit Akkordeon: Jolanta Szczelkun. Ein bisschen auf verlorenem Posten die von Turrini wieder stärker eingebauten Schüler, Hans Machowiak als Lohmann und Roland Schreglmann als von Ertzum, die so ganz solo und ohne Klasse, aber auch durch den ständig auf 180 wütenden Prof. Rath kaum Chancen haben. Andreas Klein in drei kleinen Rollen als blendender Episodenspieler mit Spaß an der Verwandlung.

Die Bühne (Karel Spanhak) durch raffinierte Beleuchtung immer wieder mal in schönstem Puff-Rot – stärker könnte der Gegensatz zum kühlen Aaltoblau unseres Theaters nicht sein – dazu eine Art Simultan-Bühne mit zentraler, kleiner Drehscheibe für die Szenenwechsel.

Ein Schulklassiker von anno dunnemals wie auch die „Feuerzangenbowle“ mit Lehrern, die noch echte Typen waren. Auch Unrat gehört, höchst schrullig, dazu –, auch wenn die Komödie hier in tiefster Tragik endet.



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