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Heinrich von Kleists „Das Käthchen von Heilbronn“ mit dem Landestheater Detmold

Von der Liebe besessen

HAMELN. Ein Ritterspektakel – angesiedelt in einer Märchenwelt, in der Träume und höhere Mächte ihr seltsames Spiel treiben. Eine Groteske, mit der Kleist seinem Publikum ans Gefühl wollte. Es geht um „Das Käthchen von Heilbronn“, inszeniert und gespielt vom Landestheater Detmold.

veröffentlicht am 25.04.2017 um 17:39 Uhr

Bei allem Spiel mit dem Spiel entsteht eine eindringliche Spannung, die einen seltsam gefangen nimmt. Foto: J. Quast
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Autor

Richard Peter Reporter
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Eine Geschichte, die im Schwabenländle volkstümlich wurde. Ein kleines Mädchen, dessen Liebe zu ihrem Ritter vom Strahl den Stempel „ewig“ auf der Stirn trägt. Sozusagen: von der Liebe besessen. Nicht nur sie. „Ich bin geliebt“, wiederholt Friedrich Wetter, Graf vom Strahl glücklich ein ums andere Mal. Das Problem: Käthchen ist keine Partie für den Grafen.

Ein theatralisches Außenseiterstück und allemal ein schwerer Brocken, dieses „Käthchen“, das sich im Helden-Ramsch zurechtfinden muss. Kein Wunder, dass die meisten Inszenierungen dieses „großen historischen Ritterschauspiels“ auf die Groteske setzen. Auch Kay Metzger, Intendant des Detmolder Landestheaters, verzichtet in seiner Inszenierung nicht darauf, besitzt aber immer wieder großen theatralischen Atem, schafft, bei allem Spiel mit dem Spiel, eine eindringliche Spannung, die einen seltsam gefangen nimmt.

Schon das Femegericht: kein spektakulärer Schauprozess – fast sachliche Vorführung. Auf der Bühne konzentriert – vor einer Wand wie vor einer Klagemauer – Käthchens Vater, der den Ritter vom Strahl anklagt, seine Tochter verhext zu haben. Eine Szene, blendend gespielt von Markus Hottgenroth als verzweifelter Vater und Hartmut Jonas als Ritter. Das Femegericht – erst am Schluss durch transparente, schräg gestellte Fenster hoch oben sichtbar, sonst nur als Stimmen via Lautsprecher.

Ritter-Fehden – es geht um Macht, Einfluss und Besitz. Kleinkrieg auf Kleinkrieg. So lernt vom Strahl auch Kunigunde von Thurneck kennen. Eine standesmäßig Ebenbürtige – Enkelin eines Kaisers, wie ein Cherub es im Traum prophezeit hatte. Ihre Schönheit verdankt sie allerdings einem Stahlkorsett, falschen Haaren und ebenso falschen Zähnen. Metzger macht aus ihr einen Mann. Und der will Käthchen, die Rivalin, die auch eine Feuerprobe mit beeindruckendem Feuerzauber mit ebenso viel Rauch besteht, vergiften. Das Gute siegt natürlich – gebrochen durch Heines „Ich hab‘ im Traum geweinet“ aus Schumanns „Dichterliebe“. Boram Ahn und Sachie Mallet mit fünf Schumann-Liedern, jeweils perfekt auf die Stimmungslage auf der Bühne angepasst. Ein fast schon genialer Regie-Einfall, wunderbar vorgetragen.

Starke Frauen. Nicola Schubert als Käthchen – eine von der Liebe Besessene, Verzauberte, die unbeirrt ihren Weg geht – ihrem Traum vertraut. Auch Kerstin Klinder als Gräfin und Karoline Stegemann als Kammerzofe. Lukas Schrenk als Kunigunde – ein Drahtseilakt mit Extremsituationen, die nur allzuleicht ins Lächerliche kippen könnten und hier faszinieren. Hervorragend Holger Teßmann als Knecht Gottschalk. Deus ex machina – der Kaiser (Henry Klinder), der nachrechnet und in Käthchen seine Tochter erkennt.

Ein Vexierspiel zwischen Märchen und Schauerdrama – schicksalhafter Fixierungen und Spiel, für das die Bühne den einzig idealen Nährboden bietet. Die Welt aus den Blickwinkeln einer untergegangenen Gesellschaft. Die hier erschreckend lebendig wird.

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