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Uraufführung mit dem Jungen Schauspiel Hannover: „Alle kriegen dick und werden Kinder“

Vom Suchen und Finden der Identität

Hannover. Karriere, Kinder, Liebe, Triebe, offene Beziehungen, geschlossene Systeme, Macht, Medien, Politik und Pop, Sex, Ex und Hopp – ja, um all das geht’s in Kristo ¦agors Stück „Alle kriegen dick und werden Kinder“, das er für das Junge Schauspiel Hannover schrieb und im Ballhofeins selbst inszenierte. Doch so komödiantisch, wie der Titel vermuten lässt, ist es gar nicht, das Schauspiel. Das Stück des aus Stadtoldendorf stammenden Autors und Regisseurs ist ein sehr kluges. Hintergründig, ohne dabei je angestrengt zu wirken. Aufklärend, ohne sich anzumaßen, eine Wertung abzugeben. Allgemeingültig, ohne die Jugendlichkeit der Charaktere zu vergessen.

veröffentlicht am 26.10.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 17:21 Uhr

Macht Wahlkampf für den Ministerpräsidenten: Laszlo (Nicolaas va

Autor:

Julia Marre
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Kein Wunder also, dass das Schauspiel über die verworrene Identitätssuche junger Menschen in seiner Uraufführung nun blendend ankam. Zumal es trotz Überlänge von knapp zweieinhalb Stunden so kurzweilig und packend inszeniert ist, dass der Zuschauer bereitwillig durch die nicht immer vorhersehbare Handlung jettet.

Die authentischen Reiseführer des nie endenden Ausflugs zur ausgebildeten Persönlichkeit sind Laszlo, der eigentlich mit Merle glücklich ist, ehe er im Park von einem Kinderschänder geküsst und schwul wird. Dario, der die Schule schmeißen und abhauen möchte, um sich selbst zu verwirklichen. Doreen, die damit zu kämpfen hat, dass sie „immer nur auf Arschlöcher hereinfällt“. Jochen, der Quoten-Langweiler mit Brille, der permanent einstecken muss. Was sie in fünf Jahren machen wollen, fragen sich die Freunde eines Nachts. Die Antwort: keine Kompromisse eingehen. Was sie tatsächlich in fünf Jahren machen? Kompromisse leben, Notlösungen fahren, den Plan B ausführen.

Anhand von Zeitsprüngen in die nahe Zukunft erzählt Kristo ¦agor von Karriereleitern und Scheitern, von Verloben und Entlieben. Dass dieses komplexe Thema zu keiner Zeit wie eine lebensfremde Philosophievorlesung herüberkommt, liegt maßgeblich auch am musikalischen Rahmen: Laszlo (glänzend gespielt von Nicolaas van Diepen), der als Popstar Nummer-Eins-Hits landet („Er ist das Opfer seines T-Shirts“), performt die von Sebastian Katzer und Jean-Michel Tourette (Wir sind Helden) komponierten Ohrwürmer. Für amüsante Szenen im Selbstfindungstrip sorgen neben der „Alten Lady“ Catherine Stoyan und „Crazy Schatz“ Andreas Schlager (sie spielen Laszlos Eltern) auch die geklonten Keyboarder im Zwillings-Look (Marko Djurdjevic und Lorenz Möller-Langkopf), eine ganze Reihe homosexueller Haarstylisten, die eifrig an Klischees frisieren, und jede Menge Situationskomik.

Die weiteren Termine des Jungen Schauspiels im Ballhofeins, Ballhofstraße 5 in Hannover, Tel.: 05 11/ 99 99 11 11: 31. Oktober, 1., 10., 12. und 22. November, je um 19.30 Uhr.

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