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Arno Geigers Zweipersonenstück „Der alte König in seinem Exil“ thematisiert Demenz und Alzheimer

Vom Löschen der Vergangenheit

Hameln. „Ich will nach Hause“, sagt der Vater wieder und wieder. Dass er aber schon zu Hause ist, treibt seinen Sohn schier zur Verzweiflung. Arno Geiger hat die Demenz-Erkrankung seines Vaters August seit 2004 in einem Tagebuch festgehalten und sich literarisch mit der Erkrankung auseinandergesetzt. In „Der alte König in seinem Exil“ bringen Kay Krause als Vater und John Wesley Zielmann als Sohn den quälenden Verlust der Erinnerung auf die Bühne.

veröffentlicht am 16.10.2014 um 15:42 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 15:41 Uhr

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Autor:

Ernst August Wolf
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Krystyn Tuschhoffs Inszenierung des Stadttheaters Bremerhaven führt in einen Hobbykeller, dem Schauplatz von Erinnerungen, an die Stationen des Verfalls: Von den ersten Aussetzern des Kurzzeitgedächtnisses über das frühe und mittlere Stadium der Beschönigungen und Vertuschungen, Wortfindungsstörungen und Desorientierung bis zur fortgeschrittenen Demenz, in dem die Erkrankten etwa ihre Kinder nicht mehr erkennen und den Alltag ohne Hilfe nicht bewältigen können.

„Ich war so blöd und habe an das Aufrechterhalten des gesunden Menschenverstandes geglaubt“, gesteht sich der Sohn, der den zunehmenden Verfall protokolliert, ohnmächtig ein. Zettel an den Wänden und auf dem Weg zur Bühne sind einerseits Erinnerungsfetzen, andererseits hilflose Stützen gegen den schleichenden Verlust der Erinnerung, die gnadenlose Löschung der Vergangenheit.

Kay Krause gelingt eine äußerst nuancierte Darstellung der ineinander verwobenen Phasen der Demenz. Was dabei oft vordergründig kurios erscheint, wie die Suche nach „der dritten Socke“, lässt den Zuschauern im komplett ausverkauften und die ganze Zeit über hell beleuchteten TAB das Blut in den Adern gefrieren. Es ergreift einen, wenn Vater und Sohn „Oh Du lieber Augustin, alles ist hin …“ singen, und der Sohn scheinbar beruhigt feststellt: „Es ist alles geregelt, jetzt geht die Sonne unter.“

Die Erkrankung hinterlässt auch bei den Angehörigen Wunden, lässt sie in außergewöhnlicher Weise zu Mitleidenden werden. John Wesley Zielmann bewältigt dabei den Spagat zwischen protokollierendem Betrachter, Erzähler und mitleidendem Sohn überaus glaubhaft.

Dass die Aufführung wegen eines Zwischenfalls im Publikum 20 Minuten unterbrochen werden musste, tat der Sache keinen Abbruch. Auch wenn sich Logik und das erinnerte Leben unerbittlich auflösen, so finden Vater und Sohn am Ende eine neue Ebene der Sprache und des Verstehens.

Eine Nachbetrachtung zur Inszenierung des Stückes über „die Krankheit, die uns alle verändert“, gibt es am Dienstag, 21. Oktober, um 18.30 Uhr im Treffpunkt A.R.A in der Alten Feuerwache, Alte Marktstraße 7c. Zur dortigen Veranstaltung „Chancen zu einem verständnisvollen Gelingen“ hat „Der alte König in seinem Exil“ sicherlich einen sehr gelungenen, weil berührenden Einstieg geboten.



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