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Marc Camille Chaimowicz und das Studio for Propositional Cinema in der Kestnergesellschaft

Vom Leben in der Kunst

HANNOVER. Unscheinbar klein, weiß und haarig – so liegt dieses Exponat da, leicht zu übersehen auf der gleichfalls weißen Fläche, die einen Tisch darstellen soll. Und gäbe es dazu nicht diese Geschichte, so wäre das Ganze wohl gänzlich unspektakulär.

veröffentlicht am 28.09.2017 um 16:24 Uhr

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Aber bei dem falschen Haarschopf, den der US-Künstler Gaylen Gerber weiß eingefärbt und mit dem ziemlich wenig sagenden Namen „Support“ versehen hat, handelt es sich um einen der Nazi-skalps aus Quentin Tarantinos „Inglorious Basterds“. Ein ebenso beklemmendes wie beeindruckendes Requisit aus einem Kultfilm – das dürfte zumindest Cineasten faszinieren. Und fast schon fesselnd ist die Auskunft, dass das Blutrot des Skalps immer wieder durch die weiße Farbe dringt.

Ein osmotischer, mykologischer, bakterieller Prozess? Oder etwa ein Wunder? Magie vielleicht gar nach Art der blutenden Hostie von Bolsena, die den Katholiken das Fronleichnamsfest und dem Dom im benachbarten Orvieto eine seit 750 Jahren nicht abreißende Pilgerschar beschert hat?

„Ein Wunder“, bestätigt Christina Végh, die Direktorin der Kestnergesellschaft, die im Bemühen um ein großes Publikum von diesem Skalp zweifellos Unterstützung erfahren dürfte. Was ein guter Grund dafür sein könnte, dass das Gaylen-Gerber-Werk den Titel „Support“ trägt. Der Künstler soll die Spuren künstlichen Blutes zwar zwischenzeitlich entfernt haben, doch ein paar rote Sprenkel lassen sich schon wieder ahnen.

Wunder dauern etwas länger

Andere Wunder dauern hier etwas länger, dafür gibt es sie dann, wenn‘s gut geht, immer wieder. Schließlich soll in der neuen Doppelausstellung der Kestnergesellschaft bis über den Jahreswechsel hinaus mehrfach Neues zu sehen sein: Skulpturen, Performances, ganze Rauminstallationen in noch nie dagewesener Vielfalt. Und das, obwohl Christina Végh und ihr Kuratorenduo Elmas Senol und Milan Ther nur zwei künstlerische Positionen kuratiert haben – den seit den Siebzigerjahren für Installationen bekannten, in Paris und London lebenden Künstler Marc Camille Chaimowicz und das in Düsseldorf residierende Studio for Propositional Cinema. Hinter dieser „Werkstatt für geplantes Kino“ steckt jenes anonyme Künstlerkollektiv, dessen Wandbeschriftung bei „Made in Germany“ in der Kestnergesellschaft zu sehen war.

Doch diesmal ist das Kollektiv in die Kuratorenrolle geschlüpft und bietet insgesamt 31 Künstlern Plattformen – eine in Bühnen-, eine in Tischhöhe, eine senkrecht gestellt als Wand, alle weiß und jede jeweils 27 Quadratmeter groß.

Auf dem weißen Tisch liegt neben dem Naziskalp schon das Skript der ersten von vielen Performances bereit, die heute um 20 Uhr auf der weißen Bühne starten soll. Und an der weißen Wand prangt derzeit eine Fadeninstallation von Rachel Harrison. Dort soll gegen Ende der Ausstellungszeit eine Arbeit von Laurence Weiner zu sehen sein. Und dazwischen wird darauf noch ein Werk von Marc Camille Chaimowicz gezeigt – zusätzlich zu dessen Ausstellung im Obergeschoss, die den Titel „One by One“ trägt.

Künstler- und Kuratorenrolle

Eins zu eins, so heißt dort auch seine größte Rauminstallation, die exakt dem Grundriss seiner Wohnung an den gediegenen Londoner Vauxhall Pleasure Gardens nachgebaut ist. Allerdings nur dem Grundriss nach, denn wo in der britischen Metropole Wände stehen, sind hier fast nur Holzrahmen zu besichtigen, und zwei Wände werden gar durch eine Reihe Campari-Soda-Flaschen markiert, die mit „Financial Times“-Zeitungspapier umklebt sind. Eine Anspielung auf die Trinkgewohnheiten des Künstlers – und gleich auch noch auf den Grad der Gentrifizierung Londons? Es sei Chaimowicz um das lachsfarbene Papier der Zeitung gegangen, sagt Milan Ther. Zwischen Imitation und bloßer Improvisation von Wohnraum changiert auch das Interieur von „One by One“. Gerade beim Mobiliar ist nicht immer leicht zu entscheiden, ob es sich um neue Prototypen, ältere Eames-Kopien oder einfach Ikea-Derivate handelt. Ob es eher ums Leben in und mit der Kunst oder doch mehr um artifiziell inszeniertes Leben geht.

Kippfiguren zwischen Kunst- und Lebenswelten, zwischen Nachbildung und Neuinszenierung also auch hier – ebenso wie in der Präsentation des Düsseldorfer Studio-Kollektivs, das zwischen der Künstler- und der Kuratorenrolle oszilliert. Immerhin, geboten werden dabei Werke von Monika Baer und Rita McBride, Henning Fehr und Philipp Rühr, Cally Spooner und Jeff Wall, von Künstlern also, die schon früher in der Kestnergesellschaft zu sehen waren.

Wie das alles zusammenklingt, wird sich wohl erst über den Ausstellungszeitraum hinweg zeigen. Grenzgänge zwischen Kunst und Leben werden hier jedenfalls erneut geboten – in einer vermutlich ziemlich wilden und zumindest insofern neuen Mischung.

Details zur Ausstellung: Marc Camille Chaimowicz: „One by One“ und Studio for Propositional Cinema: „In Relation to a Spectator“. Bis 7. Januar 2018 in der Kestnergesellschaft, Goseriede 11. Eröffnung heute um 19 Uhr. Performance von Irena Haiduk und Sándor Krasna um 20, 21 und 22 Uhr.



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