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Junges Ensemble spielt Jewgeni Schwarz

Vielköpfige Drachen

HAMELN. Geradezu ein Drachen-Wochenende – denn die „Tatzelwürmer“ trieben als Boote auf der Weser ihr Wesen und auch auf der Bühne als Abschluss des kleinen Theater-Festivals der Kinder und Jugend mit „Das Gelbe vom Ei“. Eine Parabel, 1944 in Leningrad als Stück gegen den Faschismus uraufgeführt – das aber gleichzeitig auch den Stalinismus wie alle totalitären Regime meinte.

veröffentlicht am 24.06.2019 um 14:20 Uhr

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Reporter

Die Folge: Jewgeni Schwarz durfte in der Sowjetunion erst ab 1956 wieder aufgeführt werden. Sein berühmtestes Stück „Der Drache“ erlebte 1963 in München seine deutsche Erstaufführung – und beherrschte lange Zeit unsere Bühnen. Sein Erfolg: Die bittere Erkenntnis, dass Drachen, alias Despoten und Gewaltherrscher, immer und überall mit der Gefolgschaft ihrer Bürger rechnen können. Und wieder einmal und immer noch topaktuell ist.

Eine ambitionierte Aufführung in der Regie von Theaterpädagogin Theresa Blessing, die das Stück, nur unwesentlich gekürzt, fast unverändert spielen lässt und nur aus dem Archivar Charlemagne als Esas Papa eine Mama machte. Warum eigentlich, sind doch die Rollen mit Ausnahme des Lanzelot von Falk Schöps allesamt mit Mädchen besetzt. Ein Märchenstück, das Schwarz die Freiheit nicht nur für sprechende Kater lässt, auch plakativ vorführt, wie sich Menschen mit ihren „Untieren“ arrangieren. Ein Opfer pro Jahr und dialektisch untermauert: „Wer von Drachen verschont bleiben will, muss seinen eigenen Drachen haben“. Lanzelot – eine Art unerschrockener „Berufungsheld“ – nimmt den Kampf gegen den so wandlungsfähigen Drachen auf – auch, weil er sich in Elsa, die der Drache als Opfer erwartet, verliebt hat.

Der Kampf selbst findet vernünftigerweise außerhalb der Bühne statt. Lancelot hat nur eine Chance, weil er vom Kater unterstützt und von Handwerkern mit fliegendem Teppich, Schwert und Tarnkappe ausgestattet wird. Dann ist der Drache tot – Lanzelot fast und flieht die Stadt, die nun vom Bürgermeister gnadenlos übernommen wird, der nun seinerseits Elsa heiraten will.

Gerade noch rechtzeitig pocht Lanzelot an die Tür und reicht – fürs Happy End – Elsa die Hand. Bleibt die Frage ob jetzt alles gut, zumindest besser wird oder auch ein Lanzelot zum Drachen mutiert. Satire pur wie auch die heute irritierende „Zigeuner-Passage“, die mit dialektischen Mitteln sich selbst ad absurdum führt und uns vor Augen, dass Vorurteile nur eines sind: Vorurteile. Was man bei Theater, das von Laien – egal wie liebevoll und gekonnt – gestaltet wird, als Berichterstatter normalerweise vermeiden soll, nämlich Einzelne hervorzuheben: Es ist nicht der Lanzelot von Falk Schöps, der so dramatisch mit der Welt abrechnet, auch nicht Pauline Strecker als Elsa, die so tapfere „Dauerbraut“, auch nicht Lucienne Gronau als Archivarin oder die drei Drachenköpfe Hannah von Zimmermann, Paula Kirchner und Lore Lerch, die auch als Kerkerkommandant, Freundin und Hutmacher und ein paar Rollen mehr unterwegs sind, wie auch Sarina Poloczek als Kater, Sophia Fuchs als 1. Freundin und Leoni Kuhn als Heinrich: hervorgehoben – und Ausnahmen sollten erlaubt sein – Carla Albrecht als hinreißender Bürgermeister; eine Komödiantin reinsten Wassers, die so herrlich hysterisch ausrastet, mit großen Augen in die von ihr beherrschte Welt schaut und sich, fast schon professionell, einen Sprechstil wählt, der stakkato Bedeutung verleiht. Eine tolle Leistung! Auch von allen anderen, die zu Recht bei der von letztem Sonntag auf Sonnabend verschobenen Premiere im Theater auf der Bühne gefeiert wurden.



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