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Warum sich das Theater mit „Was liegt hinter dem Berg“ kein gutes Geschenk macht

Viel Lärm um nichts

Hameln. Es gibt diese Nächte nach Theateraufführungen, in denen ein Kritiker sprachlos ist und fassungslos. Nächte, in denen er sich fragt: Wie soll ich beschreiben, was ich gesehen habe? Und: Was war das überhaupt? Am Freitag war so ein Abend, war so eine Nacht.

veröffentlicht am 07.04.2013 um 15:06 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 20:41 Uhr

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Autor:

Julia Marre
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Im Theater feierte zum 60. Geburtstag das mit Spannung erwartete Projekt „Was liegt hinter dem Berg?“ von Autor und Regisseur Erpho Bell seine Uraufführung. Daran beteiligt: 14 Spieler des eigens dafür gegründeten „Ensembles 60+“. In dem Experiment zerpflücken die Spieler 110 pausenlose Minuten lang Historisches und Biografisches in Fetzen. Stadtgeschichte trifft Stadtgeschichten, die weltbekannte Sage auf sagenhaft Triviales. Mit dem Ergebnis, dass Belanglosigkeit durchs Theater wabert.

Dabei wirkt alles ambitioniert: die Situation, mit Menschen, die so alt sind wie das Theater, ein Stück zu konzipieren. Die extra gedruckten Programmhefte. Die Idee, das Publikum auf der Bühne sitzen zu lassen, den Blick in den Saal gerichtet; das ist ein reizvoller Perspektivwechsel! Im Zuschauerraum und auf der Vorbühne agieren die Spieler. Sie alle haben sehr viel geprobt und noch mehr Text auswendig gelernt, den sie mitunter zu leise und holprig aufsagen. Natürlich besteht das Ensemble aus Laien. Doch obwohl viel, ja permanent gesprochen wird, ist das, was zu verstehen ist, handlungsarm.

Die Spieler sitzen vereinzelt im Saal. Einer trägt eine Schweinemaske, später spielt ein anderer ein Huhn, das Eier legt, die als Tischtennisbälle über die Bühne hüpfen. Die Spieler schwelgen in ostpreußischen, mährischen, schlesischen Kindheitserinnerungen. Sie bewerten die Folgen der Frauenbewegung. Sie spielen eine nebulöse Familienserie namens „Meier-Müller-Schulze“. Sie schubsen einen mehrere Meter großen Luftballon vom Balkon. Sie rekonstruieren die Altstadtsanierung à la Elsa Buchwitz mit Eierpappen (hübsche Idee, aber weshalb: Soll Birgit Angeles Bühnenbild etwa eine Anspielung auf Vogeley sein?!). Sie tanzen zum Schneewalzer, hotten ab zum „Street Fighting Man“ der Rolling Stones und traben im „Gangnam Style“ über die Bühne. Schön, wenn dieses Brainstorming Dada wäre. Ist es aber nicht.

Selbstverständlich ist es einen Szenenapplaus wert, wenn die mehr als 90 Jahre alte Johanna Noltemeyer so überaus charmant ihre Ode ans Hamelner Leben aufsagt. Oder wenn Gisela Schubert zuckersüß und textsicher Gershwins „Lorelei“ ins Mikro singt. Doch die schönen und die leise-amüsanten Momente des Theaterabends können nicht verbergen, dass die Dramaturgie schlaff ist wie ein ausgeleiertes Gummiband und die Aufführung ihre Längen hat.

Spannendes Material - wie die Zitate der Jugendlichen, die Hameln den Rücken kehren möchten - bleiben unkommentiert. Die Frage, wie sich eine Stadt, der stetig die Kinder verloren gehen, aufrappeln kann, bleibt unbeantwortet. Die starken Momente, die das Stück immer dann hat, wenn die Spieler Persönliches einstreuen, werden von schnellen Szenenwechseln überschattet. Seine Versprechen kann dieses mit dem wuchtigen Thema demografischer Wandel werbende Projekt nicht halten. Eine Botschaft fehlt.

Es gibt diese Nächte nach Theateraufführungen, in denen es vielleicht einfach nichts zu erklären, nichts zu verstehen gibt.

Die weiteren Termine: am Mittwoch, 29., und Donnerstag, 30. Mai, um 20 Uhr im Theater Hameln.



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