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Dokumenta in Kassel eröffnet / Viele Kunstwerke haben eine politische Botschaft

Verwirrende Vielfalt

Kunst mit Botschaft: Die Documenta 14 setzt stark auf politische Akzente – und verliert dabei künstlerische Strenge und Originalität aus dem Blick.

veröffentlicht am 09.06.2017 um 15:35 Uhr

Die argentinische Konzeptkünstlerin Marta Minujin vor ihrem riesigen „Parthenon of Books“ auf der Documenta in Kassel, die offiziell am Donnerstag eröffnet wurde. Foto: dpa

Autor:

Daniel Alexander Schacht

Ist das eine neue Kunst des Atonalen? Oder einfach Sound aus dem Zufallsgenerator? Lange bevor die neun Stühle der Kuratoren auf der Bühne der Stadthalle Kassel besetzt sind, quillt dort eine künstliche Kakofonie aus Lautsprechern – und stimmt so auf die verwirrende Vielfalt der am Donnerstag eröffneten Documenta ein, lange bevor der künstlerische Leiter Adam Szymczyk schildert, was er mit dieser Ausgabe der Megaschau bezweckt. „Es geht darum“, sagte Szymczyk, „das Nichtwissen zu lernen, zu verstehen, dass wir gegen die Bündnisse von etablierter Politik und Geschäft nur den Appell setzen können, sich selbst ein Urteil zu bilden und so vielleicht die kollektive Kreativität gegen das Wissen der Mächtigen zu mobilisieren.“

Wir wissen, dass wir nichts wissen? Tatsächlich gibt es durchaus so etwas wie einen roten Faden, der durch die Vielfalt von öffentlichen Plätzen und Museen, Institutionen und Geschäften führt, die in den nächsten drei Monaten die Ausstellungsorte der Documenta sein werden: „Von Athen lernen“ lautet das Motto der 14. Ausgabe dieser Kunstschau.

Der Geist des Widerspruchs

Die Künstlerin M. A. Sara hat diese Installation geschaffen: einen Vorhang aus Rentierschädeln. Foto: dpa
  • Die Künstlerin M. A. Sara hat diese Installation geschaffen: einen Vorhang aus Rentierschädeln. Foto: dpa


Wer deren Start vor zwei Monaten in Athen erlebt hat, weiß, dass „Von Athen lernen“ zumindest auch bedeutet, Lehren aus den europäischen Fehlern im Umgang mit Athen zu ziehen – sowie aus dem Vermögen der Griechen zu lernen, durch Improvisation, Kompromissfähigkeit und Flexibilität mit der eben nicht nur griechischen Krise umzugehen.

Was kann die Kunst zu alldem beitragen? Klar ist, dass der theoretische Anspruch der Kuratoren ebenso wie die Praxis der mehr als 160 beteiligten Künstler ganz von einem Geist des Widerspruchs geprägt sind. Von Appellen zum Widerstand gegen Kolonialismus und Kapitalismus, Machismo und Konvention in den Geschlechterbeziehungen und von Bekenntnissen zu den Unterdrückten, den Opfern der Geschichte. „Ich war fremd, aber ihr habt mich beherbergt“, prangt in güldenen Lettern auf dem von dem nigerianischen Künstler Olu Oguibe errichteten 16 Meter hohen Obelisken auf Kassels zentralem Königsplatz.

Ein geradezu biblischer Ernst erfüllt auch viele andere Orte, die für die Zeit der Documenta in temporäre Kunstwerke verwandelt werden. Da werden die ursprünglich imperial geplanten Torhäuser am Südrand der Altstadt durch den Künstler Ibrahim Mahama mit Jutesäcken aus seiner ghanaischen Heimat verhängt und so gleichsam antiimperial umgedeutet. Da erinnert der mexikanische Künstler Antonio Vega Macotela mit einer riesigen „Mühle des Blutes“ vor der Orangerie in den Karlsauen an die koloniale Ausbeutung in Lateinamerika. Und eine von der US-Künstlerin Agnes Denes konzipierte 30-stufige Pyramide im Nordstadtpark wird während der Ausstellungszeit von Pflanzen überwuchert werden – wie um an den Benjamin-Satz zu erinnern, dass es kein Monument der Kultur gibt, das nicht zugleich eines der Barbarei ist.

Umgeben von derart internationalen Verweisen steht im Zentrum der Documenta, direkt vor dem Fridericianum, der „Parthenon der Bücher“, der nicht zuletzt auf die deutsche Geschichte verweist. Er hat die Ausmaße des Parthenon-Tempels in Athen, ist jedoch eine luftige Metallkonstruktion, in dem einst verbotene Bücher hängen.

Noch rund 10 000 Bücher fehlen

Verbotene Bücher gab es nicht nur in Nazi-Deutschland, sondern auch im Griechenland der Junta oder unter der argentinischen Militärdiktatur, nach deren Ende die Künstlerin Marta Minujin das Werk 1983 erstmals in Buenos Aires errichtet hat. Bei diesem Werk fallen kulturelle Relevanz und künstlerischer Reiz – übrigens gerade, weil zur Vervollständigung noch rund 10 000 Bücher fehlen – in wunderbarer Weise zusammen.

Das gilt leider nicht für jedes der hier gezeigten Kunstwerke. Die ästhetische Form ordnet sich oft dem politischen Inhalt unter. Man hört die Botschaft, muss von den Inhalten gar nicht mehr groß überzeugt werden, vermisst aber bisweilen künstlerische Strenge und Originalität.

Teils durchaus spannender ist, was es neben der jüngsten, oft eigens erst für Kassel entwickelten Kunst an Zeitgenössischem zu entdecken gibt. Etwa im Inneren des Fridericianums, das derzeit eine Art Dependance von Athens Nationalem Museum für Moderne Kunst ist. Denn weil dessen große Saalfluchten derzeit für die Documenta Athen genutzt werden, hat Adam Szymczyk die Sammlung des Athener Kunsthauses für die Zeit der Documenta kurzerhand nach Kassel verpflanzt. Schon ein Künstler allein lohnt die Besichtigung: Costa Tsoclis‘ „Fünf Porträts“ (1985) sehen auf den ersten Blick nur grob hingepinselt aus – bis man überrascht feststellt, dass die Figuren sich bewegen, weil die Acrylmalereien mit Videos bespielt werden. So sehen wirklich intelligente Grenzgänge zwischen den Kunstgenres aus.

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