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„Nico, 1988“ setzt auf brutale Ehrlichkeit

Verglühter Fixstern

BERLIN. Sie war eine Popikone im New York der 60er, als Model, Sängerin und Schauspielerin. Doch „Nico, 1988“ konzentriert sich auf die tristen letzten Jahre der Christa Päffgen. Ein kompromissloser Film, mit großer Schauspielkunst von Trine Dyrholm als Nico.

veröffentlicht am 13.07.2018 um 12:34 Uhr

Trine Dyrholm als Nico und Thomas Trabacchi als Domenico in einer Szene des Films „Nico, 1988“. Foto: Film Kino Text/dpa

Autor:

Werner Herpell

Man kann sich gut ausmalen, was Hollywood aus diesem Stoff gemacht hätte. Denn das Leben der legendären deutschen Künstlerin Nico hat viele Zutaten für ein pralles Kino-Melodram: Das im Zweiten Weltkrieg aufwachsende Kind, später eines der ersten Supermodels, charismatische Pop-Art-Muse von Andy Warhol und The Velvet Underground, Schauspielerin und einflussreiche Sängerin, Geliebte berühmter Musiker (und von Alain Delon), Junkie. Beim Unfalltod mit nur 49 Jahren war sie ein traurig verglühter Fixstern. Umso erstaunlicher, wie sich die italienische Regisseurin Susanna Nicchiarelli und die große dänische Schauspielerin Trine Dyrholm der Geschichte von Christa Päffgen (1938-1988) alias Nico nähern. „Nico, 1988“ (Kinostart am 30. Todestag der Künstlerin, dem 18. Juli) verzichtet völlig auf Pathos, geht teilweise brutal ehrlich mit den Problemen seiner gescheiterten Hauptfigur um und meidet zudem konsequent die klassische Biopic-Struktur.

Also keine glamourösen Model-Auftritte und 60er-Jahre-Filmszenen, keine ikonischen Auftritte mit Warhol in der „Factory“ oder als Lou Reeds „Femme Fatale“. Der preisgekrönte Arthouse-Film beschränkt sich, von einigen flackernden Originalaufnahmen und kurzen, dokumentarisch wirkenden Rückblenden abgesehen, auf die letzten Jahre des einstigen Kultstars der New Yorker Kunst- und Musikszene. Und die verliefen sehr trist – ein exzessives Leben forderte seinen Tribut.

Mit Eindrücken des Kindes Christa vom brennenden Berlin des Jahres 1945 beginnt „Nico, 1988“. Dann spult der Film 40 Jahre vor: In einem Radiointerview sagt die lange drogensüchtige Sängerin, sie lebe in Manchester, weil diese nordenglische Stadt sie an die Ruinen der zerstörten deutschen Metropole erinnere. Nicht nur in dieser Szene wirkt Nico gänzlich charmefrei – längst will sie wieder Christa genannt werden, und sie kämpft wütend um Anerkennung für ihre Solo-Karriere seit dem Debüt „Chelsea Girl“ (1967) und dem von der Kritik gefeierten Nachfolger „The Marble Index“ (1969).

Trine Dyrholm als Nico in einer Szene des Films „Nico, 1988“. Der Film kommt am 18. Juli in die deutschen Kinos. Foto: Film Kino Text/dpa
  • Trine Dyrholm als Nico in einer Szene des Films „Nico, 1988“. Der Film kommt am 18. Juli in die deutschen Kinos. Foto: Film Kino Text/dpa

Die eindrucksvolle Schauspielkunst von Trine Dyrholm (46), die schon in Thomas Vinterbergs „Die Kommune“ brillierte (Silberner Bär bei der Berlinale 2016), trägt auch den Nico-Film. Alle Gesangsszenen übernahm die Dänin selbst – eine echte Herausforderung, denn die deutsche Musikerin tremolierte gern mit tiefer Stimme und hartem Akzent, und das noch dazu sehr eigenwillig.

„Nico sang oft schief, und manchmal klang sie wirklich schlimm“, sagte Dyrholm dem britischen „Guardian“. „Aber das ist egal. Sie erzählte in ihren Liedern eine Geschichte.“ Oft waren Sounds und Texte sehr düster – damit wurde Nico wichtig für prägende Musikstile der 70er und 80er Jahre wie Punk und Gothic-Rock.

Es passiert nicht allzu viel in den 93 Minuten von „Nico, 1988“, und doch ist dies ein intensiver, tief melancholischer Film. Er schildert die drei letzten Jahre des Ex-Stars im Zeitraffer als eine Art Road Movie: Heroinsucht und Methadon-Versuche, Auftritte vor kleinem, oft irritiertem Publikum, Streitereien mit der jungen Begleitband aus „Amateur-Junkies“, abgeranzte Unterkünfte, aber auch die bewegende Annäherung an ihren einzigen Sohn Ari, dessen Vater wohl Delon war.

„Für mich ist der zweite Teil ihres Lebens so viel interessanter als der erste“, sagt die 1975 in Rom geborene Regisseurin Nicchiarelli, die schon für ihren ersten Langspielfilm „Cosmonaut“ (2009) mehrfach ausgezeichnet wurde. „Da wurde sie wirklich sie selbst.“ Einen sympathischen Menschen präsentiert „Nico, 1988“ gleichwohl nicht. Selbst ihr Tod nach einem Fahrradsturz auf Ibiza wird kühl abgeblendet, eine versöhnliche Begräbnisszene gibt es auch nicht.

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