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„Der Traumgörge“ – eine vergessene Oper von Alexander Zemlinsky in der Staatsoper Hannover

Traum vom Träumen und Spielen

Hannover. Keinesfalls alltäglich – aber was ist schon Alltag in „Der Traumgörge“ von Alexander Zemlinsky. 1906, sozusagen premierenreif unter Gustav Mahler, verschwindet diese Oper in der Versenkung. Fast ein Dreivierteljahrhundert später erlebt sie, 1980 in Nürnberg, ihre längst fällige Uraufführung. Zemlinsky ist wieder ein Name, den man kennt. Zum Star wird der gebürtige Wiener, der 1942 in Amerika stirbt, dennoch nicht.

veröffentlicht am 19.04.2016 um 16:56 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 10:19 Uhr

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Autor:

Richard Peter
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Vermutlich auch nicht nach der Premiere des „Traumgörge“ am Samstagabend in der Staatsoper Hannover und der Übertragung der Premiere von NDRkultur. Gezügelte Begeisterung, so sehr der Traum vom Träumen und Spielen auf der Bühne – wo sonst – seit jeher Wohnrecht besitzt. Görge – ein Bücher-Verschlinger, bei dem sich die Geschichten verselbstständigen. Märchen zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Ein Träumer, der den Bezug zur Realität längst verloren hat, seinen eigenen, ganz spezifischen Traum träumt. Und seine imaginierte Prinzessin für ihn realer als Grete, mit der er sich verloben soll. Der Pastorensohn träumt seinen irrealen Traum – und verduftet ganz real. Drei Jahre später: Ernüchterung und noch immer keine Traumfrau für den Traumgörge. Mit sich und der Welt uneins, gerät er in eine Revolution. Doch auch da ist die Realität eine andere – es geht nicht um Gerechtigkeit. Es geht um Hass und Gewalt. Um pure Mordlust – und die Verfolgung von Gertraud, mit der sich Görge vertraut fühlt und die als Hexe gebrandmarkt wird. Görge rettet sich und sie vor dem marodierenden Haufen – und die Heimat als Ziel. Endlich ankommen. Und wieder – so sehr ihn sein Heimatort als Gönner ehrt – wieder heißt es: träumen und spielen.

Win Libretto, mit dem Erfolgsgeschichte geschrieben werden könnte. Und auch Johannes von Matuschka fällt es schwer, diese so eigene Welt irgendwie sinnfällig auf die Bühne zu wuchten. Denn bei aller Traum-Ideologie – Freud sei’s geklagt –, das ist schon ziemlich verquast, was da von den Sängern verlangt wird. Und die so gut wie nie eine Chance gegen diese Musik haben. Betörende Klänge, die Mark Rohde da aus dem Graben zaubert, so verführerisch wie eigenwillig, so oft sie an Mahler, vor allem Wagner und „Tristan“ erinnern. Filigraner manchmal, banal auch im bloßen Klangrausch, der dennoch nie Selbstzweck ist. Einfach gekonnt. Ungewöhnlich differenziert mit immer neuen, fantasievollen Akzenten – aber wie das ganze Stück zwischen Traum und Märchen verloren.

So sehr „Traumgörge“ auch eine seltsame Reise zum eigenen Ich sein will und das tätige Müller-Leben an der Seite einer gefundenen Prinzessin als Erlösung erscheint: das ewige „Ja-Nein-Ja“ und „das Märchen ist tot, es lebe das Märchen“, wird diese Oper auch weiterhin Traum sein lassen.

Aber was für eine Musik, die da so überraschend und vergleichslos auf einen einströmt. Dagegen ist auch das Staatsopern-Ensemble machtlos – auch mit einem Traumpaar. Robert Künzli als Görge – eine Art Parsifal und reiner Tor und Kelly God als Gertraud, die wunderbar singt und nichts dafür kann, dass sie Gertraud ist. Solen Mainguené, ziemlich realistisch, hat es nicht leicht, den Spinner Görge zu rechtfertigen. Dorothea Maria Marx als Prinzessin, eine Art Institution und Projektion und zuletzt über den Dingen schwebend. Und selbst bei den sogenannten Wurzen überzeugt ein Stefan Adam als Kaspar sowie die Staatsopern-Ikonen Carmen Fuggiss als Marei und Latchezar Pravtchev als Züngl. Ein solitäres Erlebnis – danke, dass es stattgefunden hat – aber irgendwie auch auf hohem Niveau sinnlos. Doch die Musik – so ganz für sich: was für eine symphonische Dichtung.



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