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Eröffnungskonzert im neuen Konzertsaal der Elbphilharmonie dürfte viele Besucher überrascht haben

Tönende Gedankenspiele

HAMBURG. Bloß nicht nur genießen: Im Eröffnungskonzert der Elbphilharmonie erkundet Dirigent Thomas Hengelbrock die Ränder des Repertoires

veröffentlicht am 12.01.2017 um 18:28 Uhr
aktualisiert am 27.01.2017 um 11:47 Uhr

Die Konzertgäste applaudieren stehend nach dem Eröffnungskonzert in der Elbphilharmonie in Hamburg. Am Mittwochabend ist das Konzerthaus mit einem Festakt eröffnet worden. Foto: dpa

Autor:

Stefan Arndt
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In einem außergewöhnlichen Konzertsaal kann man auch ungewöhnliche Musik erwarten. Doch was Thomas Hengelbrock und das NDR Elbphilharmonie Orchester für den ersten Auftritt in ihrer neuen Residenz auf das Programm gesetzt hatten, dürfte viele Besucher überrascht haben. Die Elbphilharmonie sei ein Ort, an dem Menschen aus aller Welt Musik genießen können, hat Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz am Eröffnungstag dutzende Male gesagt. Was er dann am Abend selbst zu hören bekam, war herausfordernd, anregend, teilweise faszinierend. Ein reiner Genuss aber war es nicht.

Das lokale Pflichtprogramm hatte Hengelbrock schon im Festakt vor dem Konzert erledigt: Zwischen den Reden gab es Werke der beiden gebürtigen Hamburger Felix Mendelssohn und Johannes Brahms. Die große Musiktradition der Stadt klang danach nur noch in homöopathischen Dosen an: in Verbeugungen vor dem ehemaligen Opernintendanten und Komponisten Rolf Liebermann (mit seinem krachenden Erfolgsstück „Furioso“) und Hans Henny Jahnn. Diesem eigenwilligen Dichter und Orgelbauer hat Wolfgang Rihm seine Auftragskomposition gewidmet – ein zumindest kurz vor Schluss des vierstündigen Eröffnungsmarathons durchaus zähflüssig wirkender Klangstrom mit gewaltiger Textmenge, die Tenor Pavol Breslik mit technischer Finesse und betörendem Schönklang bewältigte.

Zuvor näherte sich Hengelbrock dem klassischen Repertoire, das künftig wohl auch in der Elbphilharmonie bestimmend sein wird, von den Rändern her: Abwechselnd erklangen paradigmatische Werke aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und Ausgrabungen aus Renaissance und Frühbarock.

„Zum Raum wird hier die Zeit“, war das Konzert mit einem Zitat aus Wagners „Parsifal“ überschrieben. Tatsächlich boten die historisch weit auseinanderliegenden Werke Gelegenheit, die Akustik des neuen Raums auf unterschiedliche Art zu prüfen. Statt mit großem Orchester wurde die Alte Musik von kleinen Ensembles dargeboten, die auf den Rängen platziert waren. Countertenor Philippe Jaroussky sang im Duett mit der Harfenistin Margret Köll Arien aus der Frühgeschichte der Oper, eine kleine Gruppe von Sängern, Geigern und Posaunisten spielte eine Motette von Jacob Praetorius: alles anmutige, lichtempfindliche Musik, die auch in der Weite des Großen Saals Intimität und Wärme bewahrte.

Ganz anders gefordert war der Saal bei Bernd Alois Zimmermanns monumentalen Orchesterprélude „Photoptosis“. Bei aller Lautstärke entfaltet das Orchester genau wie im Finale von Olivier Messiaens „Turangalîla-Sinfonie“ eine Fülle von Klangfarben. Sie zu unterscheiden, ist gerade in der dezenten Deutlichkeit des Saals eine Belastungsprobe für die Ohren: An eine solche Menge von Informationen muss man sich erst gewöhnen.

Stark gefordert ist künftig auch das Elbphilharmonie Orchester. Nicht umsonst spielten die besten Ensembles der Welt in den besten Sälen der Welt, hat Hengelbrock vor der Eröffnung gesagt. Tatsächlich offenbart der Saal jede noch so kleine Schwäche seines Residenzorchesters, was auch in bekannten Stücken wie Wagners Vorspiel zu „Parsifal“ zu spüren war: Man hört jetzt sehr genau, wo die Balance nicht stimmt. Von falschen Einsätzen ganz zu schweigen.

Das Finale aus Beethovens 9. Sinfonie mit einem fulminanten Auftritt der Rundfunkchöre von NDR und BR war schließlich Ziel des wilden Ritts durch die Jahrhunderte und zugleich sein programmatischer Gegenentwurf: Schließlich ist dieses Stück die Werkseinstellung konventioneller Eröffnungsfeiern. Ein wohlklingender, aber komplizierter Schluss für ein Eröffnungskonzert, das eher ein tönendes Gedankenspiel als ein mitreißendes Musikfest war. Ein neues Publikum, das man mit dem neuen Gebäude zu gewinnen hofft, dürfte das kaum überzeugt haben – insofern: eine vertane Chance. Die Begeisterung am Ende war nicht gering. Sie sollte aber viel größer sein.



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