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Einmaliges Projekt: In Bremen hauchen Historiker und Schauspieler Akten Leben ein

Theaterspiel zwischen Täter und Opfer

Bremen/Hameln. Es ist wirklich passiert, auch wenn es sich ein Dramaturg nicht besser hätte ausdenken können: Am 13. Januar 1948 kreuzen sich im Bremer Hauptbahnhof zufällig die Wege von Feiga Berkmann, jüdischer Überlebender des Konzentrationslagers Auschwitz, und Margarete Ries aus Magdeburg. Berkmann erkennt in Ries ihre Aufseherin „Gretel“, die Häftlinge ermordet hat. Ries wird verhaftet und verhört. Mehr als 60 Jahre später entdecken Studierende die Originalakten. Wieder zufällig. Nun sind sie Grundlage für ein bundesweit einmaliges Projekt.

veröffentlicht am 28.03.2012 um 18:24 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 12:41 Uhr

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Autor:

Dieter Sell
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Schauspieler der Bremer Shakespeare-Company nutzen die von Studierenden aufgearbeiteten Dokumente aus dem Bremer Staatsarchiv am Dienstagabend für eine szenische Lesung am Originalschauplatz. Dort, wo Ries verhört wurde, im Bremer „Haus des Reichs“, dem heutigen Finanzamt der Hansestadt. Die Premiere „Im Lager hat man auch mich zum Verbrecher gemacht“ ist Teil eines Projektes, das die Historikerin Eva Schöck-Quinteros in Gang gebracht hat. Es verbindet forschendes Lernen und dramaturgische Arbeit. Peter Lüchinger, am Theater Hameln zuletzt in „Warten auf Godot“ zu sehen, ist Regisseur der Inszenierung. „Jeder kann zum Täter werden“, lautet für ihn der Schluss aus den Akten.

„Aus den Akten auf die Bühne“ – unter diesem Motto entstehen seit 2007 an der Universität unter der Leitung von Schöck-Quinteros, der Lehrbeauftragten am Bremer Institut für Geschichtswissenschaft, Geschichts- und Theaterprojekte zu Themen aus der Vergangenheit. Bisher ging es um die Ausweisung „lästiger Ausländer“ in der Weimarer Republik, um NS-Terror und Entnazifizierung. Und jetzt um den Fall Ries.

22-jährig wird die Deutsche im August 1939 wegen „liederlichem Lebenswandel“ als „Asoziale“ in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück eingeliefert. Sie wird ausgepeitscht, in die Dunkelzelle gesperrt, gefoltert. Drei Jahre später kommt sie mit einem Transport nach Auschwitz, wo die SS aus ihr im Nebenlager Budy einen Funktionshäftling macht, einen „Kapo“. Mit Privilegien und einem Stock. Also mit Macht, die sie ausnutzt. Ries mutiert vom Opfer zum Täter, tötet mit dem Prügel. Was auf den ersten Blick überrascht: Später wird ihr Verfahren nach ausführlichen Vernehmungen eingestellt.

„Wir sind als Historiker keine Juristen“, sagt Schöck-Quinteros. „Wir sagen nicht schuldig oder unschuldig, sondern öffnen den Fall und erklären, wie Menschen in bestimmten Situationen gehandelt haben.“ Die Einteilung in Täter und Opfer – „Schublade auf, Schublade zu“ – funktioniere nicht. Dieser Aufgabe müssen sich der amerikanische Offizier Harold Oppenheim und der deutsche Ermittler Alfred Goebel stellen. Sie sind in den Akten als Verhörende dokumentiert. „Goebel sagt: Nicht das Werkzeug ist schuld, das jemand tötet, sondern diejenigen, die das Werkzeug dazu anstiften“, bilanziert Schöck-Quinteros.

Das Bremer Projekt reiht sich ein in einen neuen Trend des Umgangs und der Vermittlung von Geschichte mit dramaturgischen Mitteln. Zunehmend werden sie in Museen oder auch bei Stadtrundgängen genutzt, um historische Zusammenhänge zu verdeutlichen. „So kann ein breites Publikum Geschichte unmittelbar wahrnehmen“, meint die Germanistik-Studentin Frederike Buda, die die Akte Ries entdeckt hat.

Weitere Vorstellungen gibt es am 17., 18. und 24. April jeweils um 19.30 Uhr.



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