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Und alles aus Trotz

Theaterfrust statt Theaterlust mit „Martinus Luther“

HAMELN. Das Schauspiel „Martinus Luther“ sorgte im Theater Hameln nur für mäßig besuchte Plätze. Statt Theaterlust wurde dem Publikum eher Theaterfrust geboten.

veröffentlicht am 03.04.2017 um 19:15 Uhr

Der Bettelmönch Martinus, bekannter als Martin Luther, sorgte für eine der massivsten Zäsuren in der Geschichtsschreibung. Er krempelt die Welt um, religiös wie politisch. Foto: Hermann Posch
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Autor

Richard Peter Reporter

Als hätten die Tanztheatertage eine unfreiwillige Fortsetzung gefunden. Ein Körper, hingestreckt auf einem schräggestellten, in den Boden eingelassenem Kreuz, der sich zusammenzieht, windet und wendet, auf Hände und Beine hochstemmt, dann an die Rampe kullert – so hätte auch ein Ballettabend starten können. Doch dann: „Martinus Luther“ – ein Schauspiel um „Anfang und Ende eines Mythos“ von John von Düffel am Sonntagabend mit „Theaterlust“ aus Minden im eher mager besuchten Theater. Lutherjahr – und vielleicht ein bisschen viel Luther.

Der junge Martinus – noch längst nicht der Reformator. Ein junger Mönch mit nichts als Zweifel. Und ein elendes – und elend langes – Lamento in einer eigenwilligen Kunstsprache, die Konzentration erzeugen will – und nur eines erreicht: dass man kaum die Hälfte versteht, was diesen Martinus Luder bewegt. Es liegt nicht nur am Text. Auch an der so enervierenden durchgängigen Lautstärke. Die Betonung liegt auf laut und die Textmassen litaneimäßig, quasi ohne Punkt und Komma, hingesudelt.

Dabei: ein Verzweifelter, ein Sucher. Und genau das könnte durchaus spannend sein – ein neuer Blick auf die so übergroße Figur des Bibelübersetzers und Sprachschöpfers, der die Kirche reformierte und so erfolgreich dem Papst mit seinen Ablasszetteln Paroli bot. Eine durchaus dramatische Situation. Doch die, schauspielerisch – und durch die Regie von Thomas Luft und seine ein ums andere Mal unmotiviert „einstürzenden Neubauten!“ – total vergeigt. Eine langweilige Nullnummer – verstärkt um Anja Klawun als Martinus Braut, als Teufelin und schließlich in der Rolle des Ablassverkäufers Tetzel. Bei allem Respekt: durchgängig Kasperletheater – und kein gutes.

Ein Ansatz für Interesse, auch weil die Texte plötzlich zu verstehen waren, die Auseinandersetzung Luthers – jetzt schon der mit den Thesen und Doktortitel – und seinem Mentor, Generalvikar der Augustiner, von Staupitz. Dann im Zeitraffer: auf den jungen Luther und „Die Dämonen des Anfangs“ folgt der alte. Der ganz alte in „Die Dämonen des Endes“. Ein ziemlicher Kotzbrocken, wie er hier von Thomas Kügel vorgeführt wird und dessen Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ wohl eines der übelsten Pamphlete in deutscher Sprache bleiben wird. Auch das Luther – und nicht nur. Sebastian Gerasch – als junger Martinus fast so etwas wie eine Zumutung – jetzt als Student und Anja Klawun als Frau Luther alias Katharina von Bora. Thomas Kügel als der Alte – herrisch unbeherrscht gegen seine Frau, überheblich gegenüber dem „Dachdeckergesellen“, der sich als jüdischer Noch-Katholik so einiges anhören muss.

Nun war Luther sicher kein Heiliger – im Gegenteil: ein ambivalenter, genialer Geist, der sein Genie offenbar menschlich nicht verkraft hat. Bei aller Größe, ein ganz Kleiner auch – wie er hier gezeigt wird –, bei dem man das Gefühl nicht los wird, er hätte seine Bibelübersetzung nie gelesen. Und tatsächlich alles nur „aus Trotz“ geschaffen.

Schade, dass auch die letzte Szene, in der Luther für immer verstummt, theatralisches Chaos bleibt. Niemandem und nichts gerecht wird. Luther als „Martinus Schlawinus“, wie er einmal genannt wird. Was das Stück und vor allem die Aufführung von „Theaterlust“, die sich als Theaterfrust entpuppt, betrifft: dieser Luther wäre niemals der Luther geworden, der jetzt ein Jahr lang gefeiert wird. Und als Luther – allem zum Trotz: applaudiert.

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