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Zwischen Tragödie und Komödie: Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ im Theater Hameln

Temporeiches Spiel mit vollem Körpereinsatz

Hameln. Um standesgemäß heiraten zu können, nimmt Bassiano mithilfe seines Freundes Antonio ein Darlehen beim Juden Shylock auf. Allerdings enthält der Vertrag eine höchst ungewöhnliche Klausel für den Fall, dass man nicht fristgerecht zurückzahlen kann: ein Pfund Fleisch, aus dem Körper Antonios geschnitten.

veröffentlicht am 20.10.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 17:41 Uhr

Die von der Bremer Shakespeare Company gespielten Figuren im &bd

Autor:

Jürgen Schoormann
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Und dieser Fall tritt auch ein. Trotz aller Appelle an sein Mitleid besteht Shylock auf Vollzug, für ihn die Gelegenheit, sich für jahrelange Erniedrigung und Demütigung zu rächen. Schon scheinen sich ein blutiges Ende und damit eine Tragödie anzubahnen, da wendet sich das Blatt, denn schließlich nennt Shakespeare seinen „Kaufmann von Venedig“ eine Komödie: Bassanios Geliebte Portia, als Rechtsgelehrter verkleidet, verkündet: Zwar bestehe Shylocks Anspruch zurecht, aber bei der Erfüllung dürfe kein Blut fließen. So ist Shylock am Ende wieder der Gedemütigte, denn er verliert nicht nur sein Vermögen, sondern auch seine Tochter, die mit ihrem Liebhaber durchbrennt, und muss sich zum Christentum bekehren.

Lange sah man in diesem Stück antisemitische Tendenzen, und so ganz klar ist es nicht, was Shakespeare mit der Figur des Shylock gewollt hat. Die Bremer Shakespeare Company jedenfalls zieht sich mit der Inszenierung durch Nora Somaini so aus der Affäre: Alle Figuren haben ihre unsympathischen Seiten und sind getrieben von Ängsten, Geldgier, Rachegelüsten, Überheblichkeit und anderen wenig schönen Emotionen. Dass sie dennoch nicht als Monster erscheinen, sondern durchaus nachvollziehbar bleiben, ist das Verdienst der grandios aufspielenden sechsköpfigen Truppe, in der jeder mehrere Rollen verkörpert.

Mit durchsichtigen, variabel gestellten Wänden schuf Uschi Leinhäuser unterschiedliche Räume für ein betont temporeiches Spiel, immer mit vollem Körpereinsatz, wie es für die Company typisch ist. Die Videoprojektionen blieben allerdings eher modische Zutat als zwingend notwendiger Bestandteil des Geschehens. Und noch eine Bemerkung am Rande: Lautes und artikuliertes Sprechen wird dankbar registriert. Aber es gibt da auch eine Grenze, jenseits derer der Text unverständlich wird.

Mit herzlichem, lag anhaltendem Beifall wurde die sympathische Bremer Truppe für ihr engagiertes Spiel im gut besuchten Theater belohnt.

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