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Weltliteratur zum Zuhören: Literarische Stunde mit Ulrike Bennemann

„Tagebuch der Träumereien“

HAMELN. Über ein Vierteljahrhundert lasen die Literatur-Ikonen Gisela Buchholtz und Annemarie Müller-Steinbrecher jeden zweiten Mittwoch im Monat für die Öffentlichkeit Klassik und Moderne – denn ohne Literatur hätten sie sich ein Leben nicht vorstellen können, sagten sie. Jetzt ist Ulrike Bennemann in die Fußstapfen getreten – nicht allein. Jürgen Schoormann gehört zu den Vorlesern ebenso wie Dr. Dierk Rabien mit seiner Frau Jutta und Jürgen Kruse.

veröffentlicht am 13.02.2017 um 09:22 Uhr

Ulrike Bennemann trat in der Literarischen Stunde in Hameln – gemeinsam mit anderen – in die Fußstapfen von Gisela Buchholtz und Annemarie Müller-Steinbrecher. Foto: wal
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Autor

Richard Peter Reporter
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„Das würdest du gerne auch machen“, dachte sich Ulrike Bennemann schon vor Jahren – und sagte das auch ihrer Freundin Gisela Buchholtz, die zusammen mit Annemarie Müller-Steinbrecher geradezu Inbegriff der „Literarischen Stunde“ in Hameln war. So etwas wie „die Mutter der Lesungen in unserem Landkreis“, wie es einmal in der Dewezet hieß.

Literarische Stunde – Viertel nach Zehn in der Pfortmühle. Auf dem Programm: Guy de Maupassants „Sur L’eau“ – mal als „Auf dem Wasser“ und hier „Auf See“ übersetzt. Tagebuchnotizen des renommierten Novellisten, der überredet werden musste, die Aufzeichnungen, die er als „Tagebuch der Träumereien“ bezeichnete und als „kunstlose Seiten“, zu veröffentlichen. Ulrike Bennemann beginnt wie nebenbei die Lesung, erinnert an den zur Melancholie neigenden Franzosen. Ein „Bel ami“, wie sie sagt – und Titel eines Romans, mit dem er gerne identifiziert wird. Ein Womanizer, wie man heute sagen würde, der zur „gehobenen Gesellschaft“ gehörte und wie Bennemann formuliert, mit 43 Jahren umnachtet – Folge seiner Syphilis – stirbt. Ein rastloser Schreiber, der fast jede Woche eine seiner berühmten Novellen vollendete. Und „vollendet“ durchaus auch als Güte-Merkmal der rund 260 Novellen, die er bis 1891 veröffentlicht hat.

Schon lange bevor Ulrike Bennemann mit ihren Lesungen begann – und damals kurzfristig für Gisela Buchholtz mit der faszinierenden „Suite française“ von Irene Némorowsky eingesprungen. Ein Roman, der die Flucht Tausender Pariser vor den Nazis beschreibt, die in den ländlichen Gegenden einfielen. Ein Ausnahmeroman, der nur durch Zufall in einem Koffer auf einem Dachboden gefunden wurde und damals für Furore sorgte: „Ich war“, so Bennemann, „total aufgeregt“.

Am 6. April 1887 startet der Schriftsteller mit seiner Jacht „Bel ami“ – es gab zwei Schiffe dieses Namens – von Antibes aus seine Mittelmeerkreuzfahrt. Maupassant notiert: „Schönes Wetter“, erinnert die Lichter von Nizza, die zu sehen waren, und den Leuchtturm von Villefranche-sur-Mer. Der Dichter lässt von seiner Mannschaft das Großsegel setzen, sieht die schneebedeckten Berge – übernimmt das Ruder. Das Beiboot, wie es heißt, „folgte wie das Junge eines Schwans. Es gibt keine Dünung“.

Erst hier setzt sich Bennemann, die bislang stehend gelesen hat, auf einen Stuhl. Aus dem Buch, aus dem sie liest, ragen kleine Zettel wie ein wirrer Haarschopf, die als Lesezeichen dienen. Es ist kein Zufall, dass Ulrike Bennemann „Auf See“ gewählt hat – ihre Vorliebe gehört der klassischen Moderne. Unter ihren literarischen Lieblingen Joseph Roth – berühmt durch seinen „Radetzkymarsch“ – aber auch Strindbergs Novellen. Dazu kommen aber auch, wie sie sagt, viele Neuerscheinungen. Sie schätzt vor allem Navid Kermani, dessen Schriften für Völkerverständigung stehen – ein „Anliegen, das ich im Herzen trage“ wie sie formuliert – und nachgeschoben: „Meine kleine missionarische Ader.“ Und dann, so die diplomierte Übersetzerin, die in Heidelberg Deutsch und Französisch studierte, „setze mich leidenschaftlich für Menschen ein“.

Die „Bel ami“ hat unterdessen das Cap d’Antibes umrundet – und immer wieder überrascht Maupassant nicht nur als blendender Stilist und Schilderer – vor allem als genauer Beobachter, der kleinste Details sieht und poetisch umsetzt. Ein wichtiges Thema auf See: der Wind, „diese komische Gestalt“ und „allmächtiger Herrscher“ – und als Schlusspunkt: „Dieser Verräter – den wir lieben und fürchten.“ Vor Cannes muss die Besatzung versuchen, einem Sturm zu entkommen. Am 7. April Cannes – die „Stadt der Titel“, wie Maupassant notiert – „Stadt der kaiserlichen und königlichen Hoheiten ohne Land, die in den Salons friedlich herrschen“. Die Croisette, auch heute Treffpunkt wie schon vor 170 Jahren – und Trubel und Glanz, wenn es um die „Goldenen Palmen“ geht. Maupassant kann herrlich boshaft sein, wenn er beschreibt, wie Damen der Gesellschaft Schriftsteller quasi adoptieren, sie ins Rampenlicht stellen und durch „beispiellose Bewunderung“ verwöhnen. Der Dichter seinerseits „fühlt sich als Idol“, der sich in „einer Kirche befindet, deren Gott er ist“.

Während er schrieb, musste er sich immer wieder mit schweren Migräneanfällen zurückziehen, „fand alles doof“, wie Bennemann sagt, „litt vor allem unter sich selbst“. Die frühere 68erin – auch wenn sie sich keiner Gruppe angeschlossen hat, auch nie in einer WG lebte – liest vor allem abends und nachts. Geht gerne zu Lesungen und besucht Lesekreise, hört regelmäßig die Sendung „Am Morgen vorgelesen“ im NDR-Klassik-Radio. Genießt Lyrik – Rilke gehört zu ihren Lieblingsdichtern, und früher hat sie lange für Schiller geschwärmt. Und natürlich sieht und hört sie gerne Sendungen, in denen neue Bücher vorgestellt werden. Was die „Literarische Stunde“ unter dem Dach der Hamelner Bibliotheksgesellschaft betrifft, stellt sie klar, dass hier Bücher nicht explizit vorgestellt werden. In der Reihe wird vorgelesen.

Am 8. April laufen sie nachts von Agay aus – es kommt fast zu einem Zusammenstoß mit einem Schiff ohne Positionslampen – Maupassant schreibt von „blitzartigen Erscheinungen auf dem nächtlichen Meer“. Und dass der Schriftsteller nicht nur an Melancholie leidet, auch witzig sein kann, beweist er, wenn er über seine Besatzung schreibt und Raimondo den Wind aus Ost erwartet und Bernard aus West – auch wenn er, wie er konstatiert, „nicht mehr der Bruder der Menschen ist“. Station in St. Raphael, wo er ein Liebespaar, das er beobachtet, als „zauberisch“ bezeichnet – und die Begegnung als „ein Glück hat mich gestreift“ empfindet. Das Glück der beiden macht ihn allerdings auch traurig – „ohne Grund“. Und „Der Mond lässt die Dichter irre reden“, notiert er und ist überzeugt, dass ein „Mondstich gefährlicher ist als ein Sonnenstich“. Und der Mond eine „traurige Totenlampe“. Die Melancholie hat ihn wieder eingeholt.

Nach einer Stunde ist Schluss in der Pfortmühle und mit dem „Tagebuch der Träumereien“.


Termin: Die Literarische Stunde findet jeweils am zweiten Mittwoch im Monat um 10.15 Uhr in der Stadtbücherei statt. Am 8. März liest Jürgen Schoormann aus Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“. Im Internet: www.bg-hameln.de.

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