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Artistik und Slapstick statt Gänsehaut-Horror in einem musikalischen Schauspiel

Stellenweise blutarm: „Dracula“ im Theater

Hameln. Das Thema passt zu Halloween und dunkler Jahreszeit. Längst ist Bram Stokers Roman um den blutsaugenden Untoten Graf Dracula nicht nur Vampiristen-Kult. Doch genialen Verfilmungen wie F. W. Murnaus „Nosferatu“ oder Roman Polanskis „Tanz der Vampire“ mal eben eine erfolgreiche Bühnenfassung hinzuzugesellen, steht auf einem anderen Blatt. Konstantin Moreth hat es mit dem Münchner Ensemble „theaterlust“ versucht. Herausgekommen ist eine brave Umsetzung der Romanvorlage, in der ein Professor van Helsing (Stefan Lehnen), dessen Kostüm einer Karl-May-Freiluftaufführung entliehen scheint, neben recht blass und blutarm agierenden Mitstreitern – erfrischende Ausnahme Anja Klawun als Lucy – über die Bühne tollt. Das allerdings verlangt angesichts des raffiniert verschachtelten Bühnenbildkonstrukts mitunter artistisches Geschick, droht doch ab und an ein waghalsiger Balanceakt schiefzugehen. Das Einzige, das neben dem umwerfenden Sexappeal, den die in blutroten Samt gehüllte Nina Schmieder in der Schlussszene verströmte, das Blut in den Adern der Zuschauer im weniger als zur Hälfte besuchten Theatersaal etwas schneller fließen ließ.

veröffentlicht am 02.11.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 16:41 Uhr

Bühnenfassung mit wenig Biss: Dracula (Markus Böker) und Lucy (A

Autor:

Ernst August Wolf
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Sicher, der Dracula (Markus Böker) ist beeindruckend groß und hager, seine Reißzähne furchterregend. Die Videoeinspielungen auf der Leinwand setzen farbige Stimmungsakzente, lassen Blutrinnsale über einen entblößten Busen tropfen, doch die slapstickhaften Aktionen der Vampirjäger grenzen an klamaukiges Spektakel.

Überaus gelungen: die musikalische Begleitung durch Georg Karger und Leonhard Schilde, die mit singender Säge und Glasharfenklängen dem stellenweise blutarmen Bühnengeschehen einen Hauch dramatischer Tiefe verleihen. Akrobattraining und Kampfchoreografie werden von den Akteuren verletzungsfrei umgesetzt, jagen aber einem offenbar horrorfilmgestählten Publikum keine Gänsehaut-Schauer über den Rücken.

Was seinerzeit vor dem Hintergrund von Darwins Evolutions- und anderer Theorien des 19. Jahrhunderts als gewagter Gegenentwurf zu viktorianischer Prüderie und sexueller Regression entsetzte, kann im Zeitalter einer alles durchdringenden Sexualisierung nur noch ironisierend auf die Bühne gebracht werden. Doch dazu kann sich Moreth nicht entschließen.

Höhepunkt zweifellos die blutrote Schlussszene: die erst entfaltete jene Spannung, die man sich für die ganze Inszenierung gewünscht hätte.

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