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Konzert nach Unterbrechung fortgesetzt

So waren Guns N‘ Roses in Hannover

HANNOVER. Er soll ja unsterblich sein, der Rock ’n’ Roll. Die Frage zu stellen, was aus ihm geworden ist und die Antwort bei Axl Rose zu suchen, scheint auf den ersten Blick ein bisschen ungerecht zu sein. Er steht um halb neun abends auf einer großen, aber unspektakulären Bühne auf einem großen, aber noch unspektakuläreren Freiplatz des Messegeländes Hannover. Um ihn herum ist Lärm. Hinter und neben ihm steht seine Band Guns N’Roses, vor ihm stehen 75 000 Zuschauer. Und oben drüber braut sich was zusammen. Es wird ein denkwürdiger Abend.

veröffentlicht am 23.06.2017 um 19:21 Uhr

Frontmann Axl Rose heizte den Fans ein. Foto: Samantha Franson

Autor:

Uwe Janssen
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Einige Fans waren 1992 auch schon im Niedersachsenstadion dabei. Nun sind sie alle ins Freiluftrockmuseum gekommen, um ein Kulturphänomen zu besichtigen. Wie im Louvre vor der Mona Lisa. Nur dass die Besucher dort nicht so ausrasten. Aber hier besuchen sie ja nicht nur ein Konzert. Die meisten besuchen auch ihre eigene Jugend. Und dieses Wiedersehen macht zunächst Freude. „It’s so easy“ und „Mr. Brownstone“ zu Beginn, zwei alte Kracher vom Album „Appetite for Destruction“ – da weiß man, was man hat.

Doch als die US-Dampfmaschine gerade auf Touren kommt, als die ersten Töne von „Welcome to the Jungle“ erklingen, grätscht eine Stimme ins Gitarrenintro. Showunterbrechung wegen Unwetter. Drei Hallen werden fürs Volk geöffnet. Dann knockt der Himmel an Hannovers Door. Aber so richtig. Der Rock ’n’ Roll zieht sich zum Trocknen zurück. Anderthalb Stunden. Dann kommt die Band zurück. Und zieht die Sache bis zum Ende durch. Professionell. Jetzt erst recht. Das ehrt sie.

Rose ist 55, und er sieht dem Axl im kollektiven Rock- ’n’ -Roll-Gedächtnis nicht mehr besonders ähnlich. Sein Oberkörper, der früher irgendwo in den Klamotten herumschlackerte, füllt das Shirt inzwischen gut aus. Die Haare sind etwas kürzer. Aber die Klamotten sagen: Leute, wir befeuern euren Retrotrip, so weit es geht: Sorgfältig zerklüftete Jeans, das um die Hüfte gebundene Hemd, irgendwann gar das Stirnband.

Die Fans waren begeistert – trotz zwischenzeitlicher Unterbrechung. Foto: NANCY HEUSEL
  • Die Fans waren begeistert – trotz zwischenzeitlicher Unterbrechung. Foto: NANCY HEUSEL

Slash neben ihm hat es da leichter. Unter der schwarzen Lockenmatte und der monströsen Sonnenbrille guckt kaum noch Gesicht hervor, dem man das Altern ansehen könnte. Früher wusste man wenigstens: Wo es qualmt, ist vorne. Slash hat mit seinem Aussehen und seinen Posen längst seine eigene Kunstfigur geschaffen, dieser Typ mit dem von Song zu Song immer offeneren schwarzen Hemd allein verkörpert mehr Rock ’n’ Roll als die meisten heutigen Bands zusammen. Er hat sein halbes Leben lang mit dem Gniedeln von Gitarrensoli zugebracht. Und Liedanfänge geschaffen: Aus einem Solo schält sich „Sweet Child o‘ mine“. Ein Fest für Luftgitarristen.

Und als ob das noch nicht reichte, schlurft plötzlich Angus Young auf die Bühne, „ein Freund“, wie Rose ihn nennt. Der Sänger war bei Youngs Band AC/DC eingesprungen, nun bedankt sich Young mit einem kleinen Intermezzo in Jeans und T-Shirt. „Whole lotta Rosie“ rollt über den Platz. Hier wird wirklich alles getan, um den Abend unvergesslich zu machen.

Rose ist zu diesem Zeitpunkt, es ist bereits Freitag, zu Form aufgelaufen. Dass er bei Stimme ist, wissen die Fans. Dass er auch noch passabel zu Fuß ist, überrascht erneut. Wenn er nicht von links nach rechts sprintet vor sein überdimensionales Ich auf den großen Leinwänden, geht er beim Singen in den Stemmschritt, tänzelt vor und zurück – und hat im Ansatz sogar noch seinen, ja, Hüftschwung drauf, diese Körperwelle, die mittlerweile als Disco-Move bei „Gangnam Style“-Sänger Psy gelandet ist. Rose zieht den Kopf nicht mehr so linkisch-schelmisch zwischen die Schultern wie damals, aber wenn er stimmlich die Kreissäge anwirft und die Augen wie Scheinwerfer weitet, dann funktioniert dieses Retro-Ding bestens.

Musikalisch sowieso. Wie bei „You could be mine“ oder dem fulminanten „Rocket Queen“, bei dem sich die auf sieben Köpfe gewachsene Live-Band so richtig austoben kann. Neben Rose und Slash gehören Bassist Duff McKagan und Keyboarder Dizzy Reed noch in die glorreichen Pre-Grunge-Zeiten, Anfang der Neunziger. Als Guns N’Roses für viele ein Erweckungserlebnis war, ein originärer Kick, ein Tritt in den Arsch, ein Stück faszinierender, ungezogener Bengelhaftigkeit. Das fällt jetzt aus. Alles Neue ist gesagt und getan.

Passt alles, wenn man ein Rockbrett spielen kann. Am Ende, nach „Black Hole Sun“, einer Hommage an den verstorbenen Soundgarden-Sänger Chris Cornell, hauen sie mit „Paradise City“ den letzten fehlenden Hit raus. Es ist 1.10 Uhr, sie haben es durchgezogen. Wer ausgehalten hat, kann sagen: Er hat Guns N’Roses an zwei Tagen in Hannover gesehen.



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