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„Liebe in Eis und Schnee“ mit Traute Römisch und Andy Mokrus

Sinnliches Vergnügen

HAMELN. „Blauer Montag“ im TAB – nicht, dass man blaugefroren auf die Bühne zusteuern würde – aber immerhin: draußen genügend Eis, um darauf Schlittschuh zu fahren. „Liebe in Eis und Schnee“ als Thema am Montagabend mit Traute Römisch und Andy Mokrus, die hier auf den Brettern so etwas wie Heimrecht besitzen.

veröffentlicht am 20.02.2018 um 15:21 Uhr
aktualisiert am 20.02.2018 um 16:40 Uhr

Traute Römisch. Foto: foto: Pr/Huppert
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Autor

Richard Peter Reporter

Wohnzimmer-Atmosphäre im schwarzen Kabinett. Im Gepäck: Alexander Puschkins Erzählung „Der Schneesturm“, eine skurrile Liebesgeschichte. Und Puschkin so etwas wie der Goethe Russlands – nur: dass er angeblich von allen Taxifahrern Moskaus rezitiert werden kann. Was unserem Olympier in Berlin nicht vergönnt ist.

Man schreibt das Jahr 1811 – ein knappes Jahr später erfriert Napoleons Armee in den Armen von Väterchen Frost. Eine junge Dame ist Hals über Kopf in einen jungen Fähnrich verliebt, der alles besitzt, außer Geld. Und damit chancenlos, wie die Familie befindet. Die beiden romantischen Seelen bereiten ihre heimliche Hochzeit vor – Mascha will von zuhause fliehen und Wladimir ist mit seinem Pferdeschlitten ebenfalls unterwegs nach Shadrino, wo die Trauung stattfinden soll. Und verfranst sich in einem Schneesturm. Dann der Krieg – Wladimir wird zum Helden und verwundet. Mascha ist wieder auf dem elterlichen Gut, beerbt ihren Papuschka und gilt, reich, wie sie jetzt ist, als erstrebenswerte Partie. Auftritt eines gewissen Burmin, hochdekorierter Husarenoberst, der im „vaterländischen Krieg“ in Borodino verwundet wurde.

Der verblüffende Schwenk und Pointe der Erzählung: Mascha und Burmin, der in sie verliebt ist, um sie wirbt, sind bereits miteinander verheiratet. Denn der junge Husar hat sich in dem schicksalhaften Schneesturm seinerzeit ebenfalls verirrt – und weil er für Wladimir gehalten wird, willigt er in die Hochzeit mit der Unbekannten ein und trifft jetzt, Jahre später mit Mascha auf seine Frau. Traute Römisch auch diesmal wieder als blendende Erzählerin, die brillant Texte lebendig werden lässt, gekonnt verzögert, aber auch dramatisch steigern kann und von Andy Mokrus, der am Klavier virtuos improvisiert, begleitet wird. Mal nur hingehuschte Tonfolgen, Akzente, dann tonmalerisch die Geschichte bedient und allemal Rachmaninow in den Fingern, ohne ihn zu spielen.

Dann Friedrich Karl Waechter - „Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein“ - der so gnadenlos satirisch zeichnen konnte, aber dann das Lyrisch-Romantische so potenziert, dass wieder Satire zwischen den Zeilen aufblitzt. Ein Drei-Personen-Stück mit des Teufels Großmutter, dem König von Sizilien und der Eisprinzessin, die sich so unbeschreiblich schön findet. Und die beherrscht die Träume seiner Majestät im Schatten des Aetna. Und Satans Omi verheddert sich in einem Dornbusch - und hart daneben das Heer des Königs auf dem Weg zur Eisprinzessin. „Du willst die Großmutter des Teufels aus den Dornen hauen“ - will er, wenn er dafür die Eisprinzessin bekommt. Der Deal gilt. Ab da beginnt das Verwirrspiel, wo Männlein und Weiblein sich ablösen und verwischen und auch Omi nicht mehr ganz durchschaut.

Da „schneit es auch im Winter Regen“ - könnte fast „gerilkt“ sein und Sehnsüchte machen sich fest an Mund, Haut und Glück. Poesie um der Poesie willen in dieser erotischen Parabel, die so grotesk märchenhaft daherkommt als poetische Reise vom Eisberg in die Wärme. Die Eisprinzessin, die partout nicht in „stinkend warme Betten“ sinken will, wandelt sich durch die Kraft der Liebe. Ein typischer Waechter - und die Römisch in ihrem Element. Märchenhexe, naive Unschuld, polternd und Pathos nahtlos in Melodie gesteigert.

Ein furioses Stück Literatur, das mit Bildern spielt - Tonfolgen. Und genau die begleitet Mokrus, der zuhört, perfekt illustriert und am Schluss doch noch ein bisschen Sizilien zitiert. Das ist - selbst dort wo es abstrakt wird - ein sinnliches Vergnügen.



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