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Nach #MeToo: Debatte über Sexismus in der Kunst

Sind nackte Frauen noch erlaubt?

BERLIN. In vielen Museen hängen Werke, die nach heutigen Maßstäben sexistisch sind. Ein Museum in England hat eins davon vorübergehend entfernt. Droht ein Bildersturm?

veröffentlicht am 22.02.2018 um 18:46 Uhr

Zettelchen mit Kommentaren hängen an der Stelle, an der das Gemälde „Hylas und die Nymphen“ (1896) von John William Waterhouse in der Manchester Art Gallery ausgestellt war. Foto: Britta Schultejans/dpa

Autor:

Christoph Driessen

Der Name John William Waterhouse war auch Kunstkennern bisher nicht unbedingt ein Begriff. Doch seit wenigen Wochen ist der englische Maler aus der Zeit von Queen Victoria berühmt – ganz besonders sein Werk „Hylas und die Nymphen“ (1896). Selbiges gehört der Manchester Art Gallery und wurde kürzlich demonstrativ abgehängt.

Das Bild zeigt den jungen Mann Hylas, der beim Wasserholen von verführerischen Nymphen in ihren Tümpel gelockt wird. Die nackten Nymphen sehen aus wie 13 oder 14 Jahre alte Mädchen. Nach eigener Darstellung wollte das Museum mit der Entfernung des Bildes eine Debatte auslösen. „Lasst uns diese viktorianische Fantasie herausfordern!“, appellierte Kuratorin Clare Gannaway.

Die Debatte kam zustande – in Ausmaßen, wie sie das Museum keinesfalls vorhergesehen hatte. Besucher hefteten zahlreiche Zettel mit Kommentaren an die leere Stelle an der Museumswand oder posteten ihre Meinung auf der Website. Die Aktion machte international Schlagzeilen – schnell war von „Zensur“ die Rede, bald auch von „Bildersturm“ und „Talibanisierung“. „Sind die Nackten von Tizian und Picasso die nächsten?“, fragte der britische Kultur-Kolumnist Jonathan Jones. „Sogar ein abgedrehter alter viktorianischer Perversling hat das Recht, Softporno-Nymphen zu malen.“

Das Gemälde „Hylas und die Nymphen“ (1896) von John William Waterhouse steht im Lager der Manchester Art Gallery. Die Kunstgalerie hat dieses Gemälde aus dem 19. Jahrhundert wegen der Darstellung von Frauen darin aus ihrer Ausstellung entfernt – und
  • Das Gemälde „Hylas und die Nymphen“ (1896) von John William Waterhouse steht im Lager der Manchester Art Gallery. Die Kunstgalerie hat dieses Gemälde aus dem 19. Jahrhundert wegen der Darstellung von Frauen darin aus ihrer Ausstellung entfernt – und damit viel Entrüstung ausgelöst. Foto: Britta Schultejans/dpa

Es lässt sich kaum bestreiten, dass das durch die Kunst vermittelte Frauenbild lange sehr einseitig war. Forscher wollen herausgefunden haben, dass im Laufe der Kunstgeschichte nur fünf Prozent aller Maler Frauen waren, aber 85 Prozent aller dargestellten Akte weiblich. Noch heute werden Künstlerinnen im Durchschnitt deutlich schlechter bezahlt. Ist die Kunst ein Chauvi-Laden? Als Peter Paul Rubens 1607 ankündigte, er werde die biblische Nacktbaderin Susanna malen, ermutigte ihn der englische Diplomat Sir Dudley Carlton mit den Worten, er hoffe, diese Susanna werde so betörend ausfallen, dass sie selbst die Sinne eines so alten Mannes wie ihm noch in Wallung bringen könne.

Häufig werden solche Macho-Attitüden mit dem Argument verteidigt, damals hätten nun mal alle Männer eine solche Einstellung gehabt. Das stimmt allerdings nicht ganz. Zur selben Zeit wie Rubens malte auch Rembrandt eine Susanna, und er zeigte sie nicht als Objekt der Begierde, sondern als Opfer sexuellen Missbrauchs. Bei ihm ist Susannas Körper reflexartig zusammengekrümmt, und sie versucht, sich schnell mit einem Tuch zu bedecken, als sie beim Baden von zwei potenziellen Vergewaltigern überrascht wird. Auch damals dachten also nicht alle Männer gleich.

Dass Jahrhunderte alte Bilder heute noch immer hochumstritten sein können, ist nicht neu. 2008 weigerte sich die Londoner U-Bahn, ein Plakat mit einer nackten Venus von Lucas Cranach dem Älteren aufzuhängen. Die Royal Academy hatte damit für eine große Ausstellung zu dem deutschen Künstler werben wollen. Die U-Bahn-Verwaltung verwies jedoch darauf, dass sie keine Plakate akzeptiere, die „Männer, Frauen oder Kinder in sexueller Art und Weise darstellen oder nackte oder teilweise nackte Figuren in einem offenkundig sexuellen Kontext zeigen“. Bei einem fast 500 Jahre alten Bild, das von einem Freund des nicht gerade zügellosen Reformators Martin Luther gemalt wurde, wirkt dies schon ziemlich komisch.

Die Aktion des Museums in Manchester war unter Marketing-Aspekten sicherlich erfolgreich. Allerdings fielen die Reaktionen überwiegend ablehnend aus, so dass das Bild bald wieder an seinem Platz hing. Auch Stephan Berg, Direktor des Kunstmuseums Bonn, sieht die Sache kritisch. Zum einen findet er es „wohlfeil“, jetzt noch auf den #MeToo-Zug aufzuspringen, „der im Moment mit einer unglaublichen Geschwindigkeit in die falsche Richtung fährt“. Dann habe das Museum eigentlich das falsche Bild ausgewählt: Zwar werde hier männlicher Voyeurismus befriedigt, aber gleichzeitig seien ja nicht die Frauen das Opfer, sondern der Mann: Er wird von den Nymphen in den Tod gezogen.

Bergs stärkster Einwand ist jedoch, dass eine solche Herangehensweise das jeweilige Zeitverständnis außer Acht lasse: „Etwas, was im 19. Jahrhundert als Skandal erschien, kann heute normal sein. Und umgekehrt, etwas anderes, was im 19. Jahrhundert ganz normal erschien, kommt uns heute befremdlich oder sogar skandalös vor. Genau darum geht es, wenn wir über Kunst oder Museen reden: dass über dieses kollektive Bildgedächtnis, das da versammelt ist, dieser Vergleich möglich ist und wir nicht alles auf die Ebene des Hier und Jetzt heben.“

Einen Bildersturm fürchtet Berg deshalb noch lange nicht. Dafür seien die Selbstregulierungskräfte der Gesellschaft und auch die Bereitschaft zur Differenzierung zu groß: „Ich hoffe, dass wir diesen Wellenkamm der schrillen Hysterie bald hinter uns lassen.“

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