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Samuel Koch und Robert Lang zeigen Kafkas „Bericht für eine Akademie“

Siege aller Arten

HANNOVER. „Was für ein Sieg“ – das sind die ersten Worte an diesem Abend. Bei Kafka tauchen sie erst viel später auf, wenn der Affe Rotpeter schildert, wie es ihm im Laufe seiner Menschwerdung gelungen ist, seine Abneigung gegen den Schnaps zu überwinden. Dass sie hier, beim Auftritt von Samuel Koch und Robert Lang im Ballhof, das Spiel eröffnen, passt sehr gut. Denn das wird der Abend am Ende gewesen sein: ein großartiger Sieg zweier starker Schauspieler, ein Sieg des Theaters, das Unmögliches wagt, und ein Sieg der Kunst über das Schicksal.

veröffentlicht am 30.01.2017 um 15:38 Uhr

Samuel Koch und Robert Lang (dahinter) haben die Erzählung über zwei Körper in ein starkes Bild übersetzt. Foto: Frank Wilde

Autor:

Ronald Meyer-Arlt

Und alles passt wunderbar zu Kafkas Erzählung „Ein Bericht für eine Akademie“, die eigentlich mit den Worten „Hohe Herren von der Akademie! Sie erweisen mir die Ehre, mich aufzufordern, der Akademie einen Bericht über mein äffisches Vorleben einzureichen“ beginnt. Der Affe Rotpeter berichtet, wie er gefangen genommen und nach Europa gebracht wurde, und er berichtet von dem, was ihm die Rettung brachte: das Varieté, die Kunstanstrengung. Der Bericht ist auch eine Erzählung über zwei Körper: den ursprünglichen, authentischen und den zivilisierten, nach einer Idee geformten Körper.

Dressur und Ausbruch


Robert Lang und Samuel Koch haben diese Geschichte der beiden Körper in ein starkes Bild übersetzt. Beide haben sich mit Isolierband aneinandergebunden. Derart verklebt kann Robert Lang seinen Kollegen in Bewegung versetzen. Samuel Koch, der seit einem Unfall im Dezember 2010 bei der TV-Show „Wetten, dass ..?“ vom Hals abwärts gelähmt ist, leiht sich die Bewegung von Robert Lang. Die Anstrengungen ist den beiden anzusehen. Das Spiel dauert nur eine halbe Stunde. Länger sei das nicht zu schaffen, sagen beide in der Diskussion nach der Aufführung. Und Samuel Koch sagt, dass er das mit keinem anderen so spielen könne.

In Kafkas Erzählung geht es um beides: um Dressur und Zurichtung und auch um Ausbruch und Freiheit. Mit ihrem Doppelspiel betonen die beiden verbundenen Schauspieler den Freiheitsaspekt ganz besonders, denn das Spiel wirkt selbst wie eine Befreiung.

Es ist unmöglich, beim Zuschauen vom Schicksal der Hauptfigur abzusehen. Man denkt über das Schicksal Samuel Kochs nach. Man denkt über sich selber nach. Man fragt sich, wie es wäre, an seiner Stelle zu sein. Und plötzlich hat man es mit dem Kern von Theater zu tun. Ist man hier auch Voyeur? Ein bisschen, sicher. Aber das ist man ja immer im Theater. Hier fällt es einem nur wieder ein.

In dieser Produktion gibt es viele Momente, bei denen den Zuschauern der Atem stockt. Einmal stürzt der Reifenstapel, den die beiden als Sitzgelegenheit nutzen, zusammen. Werden sie den Stapel wieder errichten können? Das Spielen ist Schwerstarbeit. Man sieht, wie die Hände der beiden zittern. Aber sie schaffen das. Das Spiel geht weiter.

Am Ende geht es weniger darum, was die beiden aus Kafkas Erzählung machen, wichtiger ist, was sie aus sich selbst machen. Man sieht nicht nur den Entwurf einer neuen Person, man sieht eine Utopie aufscheinen – von Kollegialität und Freundschaft, von Nähe und vom Miteinander. Und man sieht, wie etwas eigentlich ganz Unmögliches geschehen kann.

Das Gastspiel des Staatstheaters Darmstadt, zu dessen Ensemble Samuel Koch und Robert Lang jetzt gehören, war eine der Aufführungen bei der Jahreskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft, die in diesem Jahr in Hannover stattfand. Das Thema der Tagung war der Körper. Dazu passte auch „Hool“ von Philipp Winkler. Am Freitag las der Autor seinen Roman über einen Hooligan in der Cumberlandschen Galerie. Starke Sätze waren hier zu hören, von „Augen, die die Farbe von Schnee hatten, der tagelang unter einem Auto liegt“, oder von Fingernägeln, die „die Farbe von Morgenurin“ angenommen haben. Das Schauspiel Hannover bringt die Theaterfassung des Romans (mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen) im Mai als Uraufführung heraus. Regie führt Intendant Lars-Ole Walburg.



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