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Mit seinem letzten Konzert möchte Hans Christoph Becker-Foss den Komponisten César Franck rehabilitieren

Sein Abschiedsgeschenk

Herr Becker-Foss, sechs Jahre lang haben Sie gemeinsam mit dem Bremer Thomas Ohlendorf daran gearbeitet, César Francks „Les Béatitudes“ neu zu organisieren. Warum?

veröffentlicht am 14.10.2014 um 18:37 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 15:41 Uhr

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2008 haben wir dieses Oratorium schon einmal in Hameln aufgeführt. Damals haben wir nicht nur gemerkt, dass es sehr schwierig ist, an das Material heranzukommen – es gibt tatsächlich nur Partituren, Orchester- und Chorstimmen von den ersten Aufführungen Ende des 19. Jahrhunderts –, es ist zudem handgeschrieben, schlecht zu lesen, mit wahnsinnig vielen Fehlern durchzogen und im Ganzen einfach schlecht gemacht. Normalerweise stehen hinter dem Notenschlüssel und vor der Taktangabe Vorzeichen, die die Tonart erkennen lassen. Bei Franck fehlen diese, es gibt lediglich in der linken oberen Ecke ein einziges Vorzeichen – eine einzige Fehlerquelle für das Orchester. Außerdem fehlen vor den Zeilen die Angaben, welches Instrument spielt. Das kann man nur herausfinden, wenn man zurückblättert – und wer blättert beim Klarinette-, Horn-, Trompete- oder Bratsche-Spielen schon zurück. Wegen fehlender Angaben hat sich vor einer der ersten Aufführungen mal jemand verzählt; seitdem gibt es das Gerücht, das Werk brauche ein riesiges Orchester. Jeder, der das Stück spielen möchte, denkt beim Blick auf diese Noten: Dafür haben wir weder Platz, noch können wir das bezahlen, noch ist unser Orchester ausreichend besetzt. Dabei ist das ein schlichter, durch das Material hausgemachter Flüchtigkeitsfehler. Und: Dieses fehlerhafte Material ist wahnsinnig teuer, für unsere Aufführung 2008 haben wir 2500 Euro nur für das Notenmaterial gezahlt. Aus diesen Gründen wird das Stück nur sehr selten aufgeführt, und das hat es nicht verdient.

Warum haben Sie sich diese Aufführung 2008 trotzdem „angetan“?

Weil ich von diesem Stück überzeugt bin. Für mich ist das eines der größten Stücke im oratorischen Bereich überhaupt. Das steht bei mir direkt nehmen Brahms’ „Ein deutsches Requiem“ und Verdis „Messa da Requiem“. Anfang der 1970er Jahre, als Student, bin ich nach Wiesbaden gefahren, wo das Stück beim Bach-Fest aufgeführt wurde. Das war eine Sensation: Zuvor ist das Stück jahrzehntelang nicht erklungen, nirgendwo. Damals dachte ich: Das will ich unbedingt mal machen. Und jetzt hat es sich so ergeben, dass es sozusagen mein offizielles Abschiedskonzert ist.

Sie haben dieses Material nun überarbeitet, sechs Jahre lang, in mühevoller Kleinarbeit.

An der Uraufführung des Stückes waren 20 Solisten beteiligt, zwei Riesenchöre und ein großes Orchester. Allein die beiden Chöre sind für die kirchenmusikalische Praxis ein Problem. Deswegen haben wir versucht, das Ganze auf einen Chor zu reduzieren und die Solistenzahl zu minimieren, auf acht. An jenen Stellen des Oratoriums, an denen es darauf ankommt, dem Chor einen zweiten entgegenzusetzen, kann man das Solisten-Ensemble entgegenstellen. Das funktioniert wunderbar.

Ist das Oratorium so, wie Sie es bearbeitet haben, wieder näher am Original, wieder mehr so, wie Franck es erdacht hat?

Das weiß niemand. Franck selbst hat nie eine Aufführung des Werkes erlebt – seine Uraufführung, die einzige Aufführung, die er gemacht hat, fand in seinem Wohnzimmer statt, mit zehn oder zwölf Sängern und einem Klavier. Das war’s. Zu Francks Lebzeiten sind immer nur einzelne Sätze aufgeführt worden. Wenn man aber das ganze Oratorium hintereinander hört – zwei Stunden und 15 Minuten, normale Oratorien-Länge –, immer nur Chor, Chor, Chor, kriegt man irgendwann lange Ohren. Sicherlich hätte Franck, wenn er das so gehört hätte, noch einmal eingegriffen.

Wie lief die Zusammenarbeit mit Thomas Ohlendorf ab?

Thomas Ohlendorf ist am Theater Bremen als Leiter der Bibliothek angestellt, das heißt an einem Theater: als Mädchen für alles. Wenn Noten fehlen, dann muss er sie besorgen. Entweder er mietet sie oder er schreibt sie selbst. In jedem Jahr schreibt Ohlendorf also für irgendwas einen kompletten Stimmensatz neu, weil es diese Stimmen nicht gibt. Wir haben uns vor sechs Jahren kennengelernt und beschlossen: Wir müssen dieses Stück, Francks Oratorium, für jedermann zugänglich machen, der einen guten Chor hat, ohne dass er verrückt wird. Ohne zu sagen: Ich kann weder das Orchester besetzen noch kann ich die Chorbesetzung bereitstellen, und 20 Solisten kann ich sowieso nicht bezahlen. Deswegen haben wir diese Fassung entwickelt, die einen Kompromiss darstellt: Der Chor ist normal, das Orchester ist normal, die Solisten sind so viele, dass sie, wenn nötig, einen Chor ersetzen. Und wenn man will, kann man auch noch auf einen Bass verzichten.

Sie haben gerade das Herbstkonzert als Ihr Abschiedskonzert bezeichnet. Ist die Tatsache, dass dank Ihrer Arbeit Francks Oratorium nun wieder öfter aufgeführt werden könnte, eine Art Abschiedsgeschenk?

Ja, es ist ein Abschiedsgeschenk von uns für andere. Herr Ohlendorf hat Tausende von Stunden in die Neubearbeitung gesteckt. Wir werden das nun im Selbstverlag anbieten, im Internet und in Fachzeitschriften, darauf hinweisen, dass es das Stück jetzt gibt, in einer aufführbaren Fassung und für einen bezahlbaren Preis anbieten – und eben nicht für 2500 Euro, die wir damals gezahlt haben. Die Rezeption von Franck ist problematisch, das weiß ich. Die Musik ist sehr gefühlvoll, lyrisch, episch, hymnisch. Aber denjenigen, die zweifeln, möchte ich sagen, dass es sich wirklich um etwas ganz Großes handelt und nicht um ein Werk aus der berühmten Reihe „Zu Recht vergessen“. Francks „Seligpreisungen“ sind ein Highlight, denen durch Verlegerschlamperei und Fehlinformation nie die Aufmerksamkeit zugekommen ist, die sie verdient haben.

Interview: Wiebke Westphal

„Les Béatitudes“ von César Franck erklingen am Samstag, 18. Oktober, um 18 Uhr, und am Sonntag, 19. Oktober, um 17 Uhr in der Hamelner Marktkirche St. Nicolai. Tickets sind zum Preis von 10 bis 32 Euro zuzüglich der Vorverkaufsgebühr im Dewezet-Ticketshop erhältlich: DEWEZET Ticketshop, Osterstraße 15, Tel. 05151/200888, E-Mail: ticketshop@dewezet.de

Lange galt es als unaufführbar, als zu kompliziert, zu ausufernd: das romantische Oratorium „Les Béatitudes“ des Franzosen César Franck. Völlig zu Unrecht, sagt Hans Christoph Becker-Foss. Zu seinem Abschiedskonzert am Samstag, 18., und am Sonntag, 19. Oktober, erklingt dieses „bedeutendste Oratorium der Romantik“ nun in der Marktkirche – sechs Jahre lang hat der Kantor dafür an der Überarbeitung der handschriftlichen, fehlerhaften Notensätze gearbeitet.



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