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„Fast Fashion“: Eine Ausstellung zeigt in drastischen Bildern die dunkle Seite der Modeindustrie

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Hamburg. Die erste Warnung steht am Eingang: „Dieser Film enthält gewalttätige Szenen.“ Dabei beginnt der Beitrag ganz harmlos – mit Aufnahmen von Modenschauen und gestylten Geschäften. Dann ändert sich die Szenerie, und man sieht verhärmte Näherinnen in Textilfabriken, sieht einen Fluss, dessen Wasser von Färbemitteln knallbunt ist; die Pflanzen am Flussufer sind eingegangen.

veröffentlicht am 07.04.2015 um 17:52 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 08:38 Uhr

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Autor:

Martina Sulner
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Doch es gibt noch schrecklichere Bilder in der aktuellen Ausstellung des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe. Das Video, das eine Schafschur in Australien zeigt, bei der Tiere malträtiert und getötet werden, ist schwer zu ertragen. „Dieser Film ist für Besucher unter 18 Jahren nicht geeignet“ lautet der Warnhinweis. Und dann gibt es noch die Fotos der eingestürzten Textilfabrik in der Nähe von Dhaka in Bangladesch; bei dem Unglück im Frühjahr 2013 starben mehr als 1100 Arbeiterinnen.

Um die Schattenseiten der Mode geht es in der Ausstellung „Fast Fashion“, um die ökologischen und sozialen Probleme, die vor allem mit der Massenware der Textildiscounter verbunden sind. Dabei wirkt es erst harmlos: Für ein paar Euro kann sich nahezu jeder im Westen ein T-Shirt oder eine Jeans leisten. Das klingt – zumindest für die Konsumenten – nach Demokratisierung der Mode. Doch die Ausstellung zeigt eindrucksvoll, wenn auch manchmal übertrieben schulmäßig, dass es in der Branche wenig demokratisch oder fair zugeht. Näherinnen arbeiten unter desaströsen Bedingungen, Bleich- und Färbemittel belasten Wasser und Böden, und Seen wie der zentralasiatische Aralsee trocknen aus, weil man zu viel Wasser zur Bewirtschaftung von unfassbar großen Baumwollfeldern entnommen hat.

Die von Claudia Banz kuratierte Schau arbeitet nicht nur mit Schockbildern oder -filmen, sondern auch mit einer Vielzahl von Infotafeln. Da gibt es die detaillierte Auflistung, wie sich die Kosten eines T-Shirts zusammensetzen, das für 4,95 Euro im Laden aushängt; der Lohnanteil liegt bei 0,13 Euro. Manche Zahlen sind nur schwer oder kaum vorstellbar – etwa die 1,2 Millionen Tonnen Altkleider, die jährlich in Deutschland anfallen. Oder die 40 000 Kilometer auf der „Reise einer Jeans“, die in der Ausstellung in einem Diagramm abgebildet ist: Entworfen wird die Hose in den Niederlanden, die Baumwolle für den Stoff wird in Usbekistan angebaut, Spinnerei und Weberei liegen in Indien, genäht wird in Bangladesch, veredelt in der Türkei. Danach landet die Jeans in einem deutschen Laden – und irgendwann geht die Reise zur letzten Station, zur Altkleiderentsorgung ins afrikanische Sambia. Auf dieser globalisierten Produktions- und Handelskette kommt man entfernungstechnisch einmal um die Erde.

Vieles, was der Besucher bei „Fast Fashion“ sieht, kennt man aus Fernsehdokumentationen oder Sozialreportagen. Doch hier, im Ausstellungssaal, haben die Fotos aus den Textilfabriken und solche von verseuchten Flüssen und die bedrückenden Videointerviews mit Näherinnen eine andere, größere Wirkung: Im Museum konzentriert man sich mehr auf die Bilder, lässt sie in Ruhe auf sich wirken – und kann im Gegensatz zum Fernsehen selbst entscheiden, wann das nächste Bild kommt.

Fast beschämt steht der Besucher irgendwann vor ein paar alten Schuhen und einem dunklen Kleid. Das Stück stammt aus ferner Vorkriegszeit, als die meisten Frauen ein Kleid für jeden Tag und ein „gutes“ für besondere Anlässe hatten. Wie sich das heute geändert hat, kann jeder an seinem eigenen Kleiderschrank überprüfen. Viele Klamotten hängen jahrelang mehr oder weniger ungetragen herum, bevor sie entsorgt und zu Altkleidermärkten nach Asien oder Afrika verschifft werden. Im Schrank ist dann wieder Platz für Beute aus der nächsten Shoppingtour.

Die Ausstellung „Fast Fashion“ ist bis zum 20. September im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg zu sehen. Öffnungszeiten: Di., Mi., Fr., Sa. und So. von 10 bis 18 Uhr, Do. von 10 bis 21 Uhr.



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