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Eine eindrucksvolle Schlamm- und Musikschlacht: das Wacken Open Air

Schneller, härter, lauter

WACKEN. 1800 Gastgeber, 5000 Helfer, dazu Rettungsdienste und Polizei hießen die 75.000 Besucher aus über 80 Nationen beim Wacken Open Air willkommen, darunter Indonesien, Belize und Südamerika. Auf den drei großen und fünf kleineren Open-Air- und Zeltbühnen musizierten 150 Bands aus aller Welt.

veröffentlicht am 06.08.2017 um 22:16 Uhr
aktualisiert am 07.08.2017 um 08:10 Uhr

Einfach fürchterlich gut: Marilyn Manson setzt auf den Horror-Effekt beim Wacken Open Air. Foto: André Havergo

Autor:

Gabriele Laube
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Kein Wunder, dass Veranstalter Thomas Jensen hier von den „United Nations of Metal“ spricht. Ein Vergleich zeigt, auf das 280 Hektar große WOA-Gelände mit Campingplätzen und Ortschaft passt die Münchener Oktoberfestwiese exakt 6,66 Mal. Beim Umrunden des 45 Kilometer langen Bauzauns lässt sich prima für einen Marathon trainieren. Auf die Neu-Wackener aber warten andere Wege. Sie ziehen vom weitläufigen Campingplatz los, das „Holy Wacken Land“ zu erobern, am besten mit dem entsprechenden Geländeplänen und – Gummistiefeln. Denn pünktlich zum offiziellen Beginn am Donnerstag flutet heftiger Regen die Festivalstadt. Er verwandelte die ursprünglichen Kuhweiden in schlammige Suhlen. Alle Besucher tragen die Folgen - braune Pampe auf schwarzer Kleidung und Schuhen – gelassen und überwiegend gut gelaunt. Einige finden zum Vergnügen anderer einen sinnlichen Spaß daran, sich mit Schlamm zu beschmieren und Wettbewerbe im müffelnden Schlick auszutragen. Neu ist das nicht, denn Matsch und Heavy Metal Musik gehören an diesem Ort so untrennbar zusammen wie Engelchen und Teufelchen.

Die Wege zwischen dem Wackinger Village mit Mittelaltermarkt, Highland Games und dem Endzeitlager Wasteland, dem Metalground, genannt Wacken Plaza mit dem Bullhead City Circus-Zelt und Aktivitäten wie Wrestling und Lesungen sowie dem musikalischem Mekka, dem Infield-Bereich mit den drei Riesenbühnen Faster, Harder und Louder, sind lang und machen durstig. Geschätzte 400.000 Liter Bier konsumieren die Menschen auf der viertägigen Hardrockparty. Trinkwasser gibt es an vielen Stellen kostenlos. Wer zwischen Spielmannskost, Mittelalterrock, Punk, Alternative und allen Spielrichtungen der harten und härtesten Rockmusik pendelt, der läuft zwischen 12 und 2 Uhr viele Kilometer. Sicherheitsbestimmung erlauben nur die turnbeutelartigen Full Metal Bags auf dem Festivalgelände, inklusive faltbarer Trinkflasche, Kondom und Blasenpflaster.

Wo aber beginnt die Kultur, wenn das musikalische Motto „Schneller Härter Lauter“ vorgibt? Die Künstler finden darauf unterschiedliche Antworten. Muntere Unterhaltung bieten die Gags liebenden Spielleuten von Pampatut schon zur Mittagszeit und fordern eine Zuschauerpolonäse, ein leichter Frühsport für Wackener. Mit dem rotzig-rockigen New-Wave-Hymnen der Boomtown Rats und ihrem Frontmann Sir Bob Geldorf kocht das Bullhead Circus Zelt bereits am Mittwochabend. Der erste Festival-Headliner, die deutsche Metal Legende Accept, verwandelt zusammen mit einem tschechischen Orchester seinen Hardrock in symphonische Hymnen. Die Grandmaster des Show-Horror-Auftritts, Marilyn Manson und Alice Cooper sorgen für Horroreffekte. Kunstfigur Manson sucht die ernsthafte Auseinandersetzung mit morbiden Themen, er tanzt mit dem Teufel. Sein Auftritt wirkt unheimlicher als das spielerische Gruselvergnügen von Cooper, der sich auf der Bühne von Frankensteins Monster jagen oder als Verrückter in Zwangsjacke durch eine Guillotine köpfen lässt. Seit 49 Jahren röhrt Rockveteran Cooper bereits zeit- und schnörkellose Rocksongs, die begeistern. Für die Wacken-Foundation zur Unterstützung junger Künstler spendete er 10.000 Dollar.

Auch das gehört wohl zu Wacken: im Schlamm suhlen. Foto: nla
  • Auch das gehört wohl zu Wacken: im Schlamm suhlen. Foto: nla

Bereits seit 25 Jahren gelten Amon Amarth als Inbegriff des Metal. Lautstärken von bis zu 120 Dezibel sorgen dafür, dass ihr melodischer Death Metal weit hallt. Die Menge steht so kompakt, dass nur Crowdsurfer es schafften, die Bühne im Infield zu erreichen. Dazu heizt eine mächtige Pyrotechnik den ersten Reihen gewaltig ein, während das weite Feld mit riesigen Luft-Fuß-Bällen spielt.

Wer möchte, für den sei im Eintrittspreis von 220 Euro eine „Schlammpackung all in“ gratis enthalten, scherzt der Sprecher des Veranstalters. Dabei sei für 2018 ein Golfrasen geplant, noch ein Gag. Doch die Organisatoren kämpfen um jeden Grashalm, hoffen, mit neuer Infrastruktur wie Regenrückhaltebecken und unterirdisch verlegten Bierleitungen Bodenschäden begrenzen zu können. Bis Samstagnachmittag musste die Polizei nur einen rabiaten Besucher bändigen. Hauptsächlich sind es Diebstähle, die die Beamten beschäftigen. Bei so einem ruhigen Festival sind die Dienstpläne für das WOA 2018 schnell gefüllt. Die ersten Bands stehen fest und der Vorverkauf ist gestartet: Mit Dirkschneider, Sepulptura, Doro, Arch Enemy, Nighwish und In Extremo geht das Wacken Open Air 2018 in die 29. Runde.

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