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Bayreuther Festspiele haben eine lange Vergangenheit – aber auch eine Zukunft?

Schlussakt auf dem Grünen Hügel

BAYREUTH. Die Bayreuther Festspiele gehen am Mittoch um 16 Uhr mit Richard Wagners „Walküre“ und Plácido Domingo am Dirigentenpult zu Ende. Der Opernstar in ungewöhnlicher Rolle sorgte in diesem Jahr – neben der unerträglichen Hitze im Opernsaal – wohl für die meisten Schlagzeilen; allerdings anders als gewohnt.

veröffentlicht am 28.08.2018 um 14:54 Uhr

Mit Richard Wagners „Walküre“ (hier mit Anja Kampe als Sieglinde) gehen die Bayreuther Festspiel heute zu Ende. Foto: Enrico Nawrath/Festspiele Bayreuth/dpa

Autor:

Britta Schultejans

Wurde der Weltklasse-Sänger als Dirigent doch nach der ersten Aufführung für eine durchwachsene Leistung teils heftig ausgebuht. Die zweite Aufführung dagegen, so sagt es Festspielsprecher Peter Emmerich, „erhielt überwiegend starken Applaus und wurde bejubelt“.

Die dritte und letzte „Walküre“ dieser Spielzeit ist die 2694. Aufführung, die auf dem Grünen Hügel seit 1876 auf die Bühne gekommen ist. Diese Zahl veröffentlichten die Festspiele kurz vor Schluss auf ihrer Facebook-Seite. Ein Kulturspektakel mit großer, umstrittener Vergangenheit – soviel ist klar. Aber auch mit Zukunft?

Der Zukunftsforscher Horst Opaschowski hat da so seine Zweifel. Er sagt: „Grauköpfe prägen das Erscheinungsbild. Bayreuth droht, zum Nischenmarkt für Minderheiten zu werden.“ Denn so wie die Festspiele derzeit aufgestellt seien, böten sie selbst für eine neue Generation gut betuchter Kulturinteressierter schlicht keinen großen Reiz. „Das jüngere Publikum ist ein Event-Publikum: EM, WM, Helene Fischer und Wacken. Man müsste live auf dem Handy eine Oper mitverfolgen können – so sind die jungen Leute heute gepolt.“ Ein „elitäres Gehabe“, wie es auf dem Grünen Hügel verbreitet sei, wo die Tickets mehrere Hundert Euro kosten und ein kleines stilles Wasser fünf, passe nicht zum Zeitgeist. „Die Hoch- und Promi-Kultur muss vom Sockel gestoßen werden“, sagt Opaschowski. Das seien zwar Probleme, die Opernhäuser überall hätten – in Bayreuth komme aber noch etwas dazu: „Die Bayreuther schauen eigentlich nach oben auf den Hügel. So als würde da Zeus über den Wolken regieren.“ Es sei bislang nicht gelungen, die Festspiele zu einem echten Bayreuther Event zu machen, das die ganze Stadt elektrisiert. „Es geht um die Identifikation der Stadt und der Stadtbewohner mit der Kulturveranstaltung.“ In Salzburg sei das beispielsweise sehr viel besser gelungen. „Da findet tagsüber schon eine Identifikation mit den Darstellern statt“, sagt Opaschowski.

Parkplätze für Rollatoren zeugen im Festspielhaus von einem wohl eher hohen Durchschnittsalter der Besucher. Foto: dpa
  • Parkplätze für Rollatoren zeugen im Festspielhaus von einem wohl eher hohen Durchschnittsalter der Besucher. Foto: dpa

„In Bayreuth fehlt die Brücke zur Breitenkultur. Das, was da oben stattfindet, muss heruntergebrochen werden bis hin zur Straßenkunst. Man muss neu über diese Kulturveranstaltung nachdenken, ohne dass es zu einer McDonaldisierung der Kultur kommt.“

Im Festspielhaus zeugen Parkplätze für Rollatoren von einem wohl eher hohen Durchschnittsalter der Besucher. Wie hoch es genau ist, teilen die Festspiele nicht mit. Nur soviel: „Im statistischen Durchschnitt unterscheidet sich die Struktur des Bayreuther Publikums zurzeit nicht wesentlich von dem anderer Festivals oder Opernhäuser.“

Grauköpfe prägen das Erscheinungsbild. Bayreuth droht, zum Nischenmarkt für Minderheiten zu werden.

Horst Opaschowski, Zukunftsforscher

Sprecher Emmerich betont allerdings gleichzeitig: „Das Alter an sich aber ist auch kein entscheidendes Kriterium für die Festspiele, vielmehr sind dies doch Interesse, Neigung und Begeisterung.“ Eine Verjüngung des Publikums finde jedoch „durchaus sukzessive statt“. Günstigere Tickets für Studenten gibt es in anderen Opernhäusern seit Jahren – in Bayreuth laut Emmerich Fehlanzeige.

Von den mehr als 5000 Mitgliedern der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth sind nach Angaben der Geschäftsführerin Ina Besser-Eichler gerade einmal 270 bis 290 unter 35 Jahren. „Die Jüngste wurde wenige Tage nach ihrer Geburt angemeldet.“

Wie der gesamte Altersdurchschnitt der Förderer-Vereinigung aussieht, weiß sie nicht. Nur von den „Jungen Freunden“ seien die Geburtsdaten dokumentiert. Sie glaubt nicht, dass die Bayreuther Eintrittspreise die Schwelle für Opern-Neulinge zu hoch legen. „Wenn Sie das hochrechnen auf die Stunden, die Sie da verbringen, ist das nicht teuer“, sagt sie.

Und: „Es ist ein Hobby und für ein Hobby legt man Zeit und Geld auf den Tisch.“ Für Besser-Eichler ist die Festspiel-Begeisterung weniger eine Frage des Alters als eine Frage der Einstellung. „Die Hürde ist eher, dass man sich damit auseinandersetzen muss. Man muss da auch offen dafür sein“, sagt sie. „Und es ist natürlich auch eine Frage der Kräfteeinteilung.“ Eine Wagner-Oper in Bayreuth sei schließlich auch körperlich anstrengend.

Nach Angaben der Festspiele gibt es derzeit aber auch noch keine Schwierigkeiten, die rund 2000 Tickets pro Aufführung an die Wagnerianer zu bringen. „Die Auslastung in diesem Jahr war, wie in den vorhergehenden auch, eine hundertprozentige“, sagt Emmerich. Alle verfügbaren Karten seien vor Festspielbeginn schon weg gewesen.

Dass sogar in der Premierenwoche immer mal wieder mehrere Plätze frei blieben, führt er auf erkrankte Besucher zurück. Oder vielleicht seien die Kartenbesitzer auch einfach zu spät gekommen und durften nicht mehr rein.



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