weather-image
33°

Tschaikowskys „Nussknacker“ mit dem Klassischen Russischen Ballett vermochte nicht zu überzeugen

Schlicht und lieblos

HAMELN. Das Weihnachtsstück schlechthin. Heilig Abend mit Christbaum, Bescherung, leuchtenden Kinderaugen – und weil wir bei einem Präsidenten zu Hause sind, Mitte des 19. Jahrhunderts dazu, ist das Weihnachtszimmer festlich geschmückt. Das ist mit einer Turnhalle – auch der des Rattenfängers – nur sehr bedingt zu erreichen. Am ehesten noch, wenn Tschaikowskys „Nussknacker“ – wie zuletzt als Schlittschuh-Show, die ja irgendwie auch mit Sport zu tun hat – aufs Eis gekratzt wird.

veröffentlicht am 10.12.2017 um 19:20 Uhr

pe

Autor

Richard Peter Reporter
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Wenigstens sollte aber via Bühnenbild versucht werden, etwas Stimmung zu zaubern. So einen Hauch von Fest zu suggerieren.

Die Realität am Freitagabend mit dem Klassischen Russischen Ballett aus Moskau: schlicht lieblos – und das eindeutig als Euphemismus. Ein schlichtes, gemaltes Portal, hinten ein Prospekt mit Weihnachtsbaum – und wie in der alten, nicht ganz so guten Schmiere, zwei weitere Prospekte. Keine Sofitten, die nach oben für Abdeckung sorgen würden – vor allem: keine sogenannten Gassen, die den Blick in die seitlichen Bühneneingeweide verdecken würden. So sieht man – und das nicht gern – das Hinter-der-Bühne-Gewusel.

Fast schon schmerzlich, zu laut und mit übersteuerten, schrillen Höhen der Musikeinsatz. Marius Petipa, der große Choreograf, der krankheitsbedingt die Uraufführung Lew Iwanow überlassen musste, aber dennoch für das Libretto sorgte, dürfte im Grab rotiert haben. Onkel Drosselmeyer, der – aus welchen Gründen auch immer – hier omnipräsent ist, auch wenn er sich tänzerisch auf seine Port de bras und Gewedel mit dem Zaubermantel beschränkt, was auf Dauer auch langweilt. Und warum bei der Bescherung anstelle des hübschen Pas de quatre mit Marketenderin, Soldat, Harlekin und Colombine aus der Comedia del‘ Arte – hier als drei Soli mit Pierrot statt Harlekin, einer Puppe und einem kleinen Mohr als Teufel gezeigt wird, ist schlicht nicht einzusehen.

Was schlimmer ist: kein Pas de deux von Schneekönig und Schneekönigin – einfach eingespart. Und dann noch auf die Zuckerfee verzichtet und der anspruchsvolle Primadonnen-Part von der kleinen Klara getanzt. Kein Fest also für die junge Dame – das muss sie sich selbst gestalten und die berühmten Divertimenti mit Spanischem Tanz, dem Arabischen, hüpfenden Chinesen, Kosakentanz – und auf die Rohrflöten verzichtet – dramaturgisch unbegründet und nur von Drosselmeyers Gnaden drauflosgetanzt. Eine Nullnumer der beliebte Blumenwalzer.

Schade, denn am Ensemble lag es nicht, wenn die Begeisterung sich eher in Grenzen hielt. Natalia Kungurtseva ist eine liebenswerte Klara - ein bisschen ernster und reifer als gedacht. Schließlich muss sie tanzen, was für sie nicht vorgesehen war. Alexander Butrimovich – schon als Nussknacker mit Klara – jetzt auch als Prinz. Beide Tänzer aber eher auf Showeffekte choreografiert, denn auf tänzerische Brillanz. Wofür sie nichts können.

Timur Kinzikeev als Onkel Drosselmeyer – für dessen Auftritt sich Petipa eine gleichermaßen furchteinflößende aber auch komische Musik wünschte – gerät hier zum Moderator, was er weder bei E. T. A. Hoffmann noch bei Petipa ist. Ein Pluspunkt: die sehr schönen Kostüme und die kleinen Ratten, wie sie den Sommer über sonntags auf unserer Hochzeitshausterrasse wuseln.

Der Applaus in der Rattenfänger-Halle weder „tosend“ noch mit „standing ovations“ wie es im Programm heißt. Ein solides Ensemble, wenn auch reichlich reduziert. So ein bisschen erinnert das an den Diesel-Skandal. Zu befürchten: dass der „Nussknacker“ so kein Publikum mehr finden wird.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?