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Kaum ist in Berlin Gerhard Richters „Panorama“-Schau zu sehen, ist der Andrang wieder groß

Schlangen vor der Neuen Nationalgalerie

Berlin. Da kommt sie die Treppe herunter, Ema: lebensgroß, nackt, eingehüllt in eine weiche Wolke. Die Nase ist gerötet, die Augen sind geschlossen, es sieht aus, als hätte Ema geweint. Die Füße setzt die junge Frau vorsichtig auf, als wäre ihr bewusst, dass sie auf einer bloß gemalten Treppe schreitet. Mit weichem Pinsel malte Gerhard Richter 1966 den Akt, als streichelte er statt der Leinwand den Körper seiner Ehefrau. Zugleich war es ein vitaler Kommentar auf jenes Werk moderner Kunst, das das Ende der Malerei proklamierte: Marcel Duchamps zersplitterter „Akt, eine Treppe herabsteigend“ von 1912.

veröffentlicht am 13.02.2012 um 18:30 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 16:41 Uhr

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Autor:

Johanna Di Blasi
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Richters Ema-Akt, eine Ikone der Malerei des 20. Jahrhunderts, gehört dem Museum Ludwig in Köln. Jetzt hängt es als ein Schlüsselwerk Richters in seiner Retrospektive „Panorama“ in Berlin. Die Schau mit rund 130 Werken ist am Sonntag in der Neuen Nationalgalerie eröffnet worden – unter großem Publikumsinteresse. Es ist eine Hommage an den Malerstar, der vergangene Woche seinen achtzigsten Geburtstag feierte. Gleich drei Städte geben ihm die Ehre: Vor Berlin sahen die Retrospektive in der Tate London rund 200 000 Besucher. So viele werden auch in Berlin erwartet, mindestens. Danach wandert die Schau weiter ins Centre Pompidou in Paris.

„Es ist unglaublich cool, es ist super, es ist hinreißend“, kommentiert Michael Eissenhauer, der Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, die Ausstellung. Der vom Blitzlichtgewitter verfolgte Malerstar gab sich indes notorisch verhuscht und vernuschelt, als lebendes Pendant zu seinen verwischten und vermalten Bildern. „Ach nee“ oder „He he“, war zu hören. Der Medientrubel schien ihm fast physisches Unbehagen zu bereiten. Es sei aber besser, „als missachtet zu werden“, murmelte er. Angesprochen darauf, weshalb er sogar TV-Moderator Vico Torriani für bildwürdig erachtet habe, sagte Richter: „Das Bild ist ein bisschen plump, nee?“

Die Sorge, Bilder würden plump oder plakativ wirken, scheint den früheren Maler von Plakaten und ideologischen Panoramen im Stil des in der DDR verordneten Sozialistischen Realismus zu quälen. In der „Panorama“-Schau geht er offensiv damit um. Da türmen sich Wolkenbilder meterhoch wie Theaterkulissen. Entlang der Glasfassade schlängelt sich ein Fries aus Farbquadraten, ähnlich seiner pixelartigen Kölner Domfenster.

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  • Gerhard Richter.

An manchen Stellen kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass selbst ein Richter mitunter mäßig Originelles groß aufbläst. Entschädigt wird man von zahlreichen Perlen. Die Porträts von Richters Tochter Betty zählen zu den am meisten reproduzierten Werken moderner Kunst. Der 1988 entstandenen „Betty“-Rückenansicht wird ein Status in der Kunst des 20. Jahrhunderts zugesprochen, wie ihn die „Mona Lisa“ für die Renaissance besitzt.

Ein Feld der Malerei nach dem anderen nahm der Künstler in fünf Schaffensjahrzehnten durch: Landschaften, Porträts, Stadtansichten, fotorealistische Malerei, neo-informelle Malerei. Auf allen Gebieten strebte er Optimierung an.

Richter hat seine Autorität eingesetzt, um für seine Geburtstagsschau weltweit die, wie er sagt, „interessantesten Bilder“ zusammenzubekommen. Für das i-Tüpfelchen der Hommage muss man die Neue Nationalgalerie verlassen. Richters berühmter RAF-Zyklus befindet sich in der Alten Nationalgalerie.

Die Ausstellungen in der Neuen und Alten Nationalgalerie Berlin sind zu sehen bis zum 13. Mai.

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