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Sauls politische und private Tragödie

Von Ernst August Wolf

Hameln. Kurz vor Beginn der Premiere des „Saul“ scheint in der Marktkirche noch das Chaos zu regieren: Besucher drängen zu ihren Plätzen, Musiker stimmen ihre Instrumente, einige Chorsänger suchen vor ihrem großen Auftritt Momente der Stille. Doch innerhalb weniger Augenblicke ordnet sich das Chaos, und Trompeten und Pauken setzen einen ersten imperialen Akzent. Georg Friedrich Händels „Saul“, die Geschichte um Herrschaft, Macht, Kampf, Sieg, Scheitern und Tod hat begonnen.  Es sind die ersten zwei Worte, die der Chor dann nach rund 20 Minuten singt, die stellvertretend über das ganze, mehr als dreistündige Konzerterlebnis zu schreiben sind: „How excellent...“.

veröffentlicht am 18.04.2010 um 14:22 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 01:41 Uhr

Kultur
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Von Ernst August Wolf

Hameln. Kurz vor Beginn der Premiere des „Saul“ scheint in der Marktkirche noch das Chaos zu regieren: Besucher drängen zu ihren Plätzen, Musiker stimmen ihre Instrumente, einige Chorsänger suchen vor ihrem großen Auftritt Momente der Stille. Doch innerhalb weniger Augenblicke ordnet sich das Chaos, und Trompeten und Pauken setzen einen ersten imperialen Akzent. Georg Friedrich Händels „Saul“, die Geschichte um Herrschaft, Macht, Kampf, Sieg, Scheitern und Tod hat begonnen.  Es sind die ersten zwei Worte, die der Chor dann nach rund 20 Minuten singt, die stellvertretend über das ganze, mehr als dreistündige Konzerterlebnis zu schreiben sind: „How excellent...“.
 In einer unerhörten Kraftanstrengung hat Kirchenkreiskantor Hans Christoph Becker-Foss viele verschiedene Ensembles und Künstler zu dieser Aufführung zusammengeführt: neben der Hamelner Kantorei und den Mitgliedern des „Göttinger Vokalensembles“ agieren das von Rachel Harris geleitete „Ensemble Schirokko“ aus Hamburg, das Posaunenensemble Hartwig Depenbrock aus Duderstadt und das von Bernd Dormann geleitete aus Hameln.
 In letzter Minute musste die Titelrolle des Saul wegen Erkrankung von Raimund Nolte umbesetzt werden. Raimund Spongis aus Karlsruhe sprang ein, und verkörperte mit König Saul einen der fragwürdigsten Herrscher des Alten Testamentes. Der erweist sich zwar als mutig und geschickt im Kampf, doch unfähig und feige im Privatleben, und so nimmt die Tragödie im Spannungsfeld zwischen dem Konflikt mit dem Aufstieg des jungen Goliath-Bezwingers David einerseits und dem Niedergang Sauls als eines im Aberglauben befangenen „Herrschers ohne Gott“ andererseits ihren Lauf.
 Sauls Sohn Jonathan, ein Freund Davids, die Liebesgeschichte mit Michal, das Drama im Drama, die Beziehungen der Saul-Töchter zu David, all das beschwört eine zeitlose, von Händel mit musikalischer Genialität sehr publikumswirksam umgesetzte Tragödie herauf.
 Händels sieben „Symphonies“, Arien und Rezitative, das einleitende dreisätzige „concerto grosso“, lyrisch zarte, dialogisierende Passagen im Kontrast zu schicksalhaftem Donnergrollen von nahezu Wagnerschem Zuschnitt in der Hexenszene, alles das umgesetzt von hoch konzentrierten Musikern und Solisten, einem exzellent disponierten Chor und einem mit jeder Faser seiner Seele dirigierenden Becker-Foss.
 Mit beinahe schauspielerischem Einsatz gestalteten die sieben Solisten die Szenen dieses tonalen Dramas, mal voll weiblicher Stärke wie Hanna Zumsande als Merab, mal schicksalhaft hadernd und Zorneswüten wie Raimund Spongis, und David Erler gab dem David jene jugendliche Nüchternheit und „Coolness“ des machtbewussten, aufstrebenden Herrschers, an der Saul zerbricht.
 Eine facettenreiche Aufführung mit vielen Höhepunkten, musikalischen, dramatischen wie emotionalen. Das elementare Erlebnis einer zeitlos gültigen, politischen und privaten Tragödie, in der das Schicksal des Einzelwesens letztlich vor der nationalen Katastrophe eines Volkes zurücktritt.
 Am Ende anhaltender frenetischer Applaus eines gleichermaßen ergriffenen wie begeisterten Publikums in der am Sonnabend restlos ausverkauften Marktkirche St. Nicolai.

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