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Erzählerkünstlerin Jana Raile stillt die Sehnsucht nach dem Zuhören

Renaissance der Stille

Hameln. Als Jana Raile ins Licht tritt, werden die 85 Gäste im großen Raum der Tönebön-Stiftung mucksmäuschenstill. Ohne Pult, ohne Text beginnt die 46-Jährige Charles Dickens’ „Eine Weihnachtsgeschichte“ zu erzählen. Die ist vielen bekannt. Ein Klassiker der Spätromantik mit wunderbar märchenhaft-fantastischen Elementen. Die wundersame Geschichte vom alten Geizhals Scrooge, der erst durch die Begegnung mit den Geistern der Weihnacht die Freude an der Mitmenschlichkeit entdeckt und damit seine Erlösung findet.

veröffentlicht am 18.12.2015 um 16:48 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 12:42 Uhr

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Autor:

Ernst August Wolf
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In zwei Teilen erzählt Jana Raile an diesem Abend die Geschichte, schlüpft in alle Charaktere, entfacht dabei ein Feuerwerk der Sprach- und Sprechkunst ohnegleichen. Laut, leise, sachlich, sinnlich, heiter, traurig – die Erzählerin trifft alle Nuancen des Textes punktgenau und mit stets angemessener, funktionaler Emotionalität, verbindet ohne Überakzentuierung Geisterwelt und Realität, und gibt auch Dickens’ sozialkritischen Bildern hinreichend Gestalt. So entsteht ein imposantes Sprachgemälde, in das sich alle Zuhörer hineinträumen können.

Vor 23 Jahren stand die gelernte Krankenschwester kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildung. Die Begegnung mit einer Sterbenden habe ihr damals den Weg zu ihrer Berufung als Erzählerin gewiesen. „Ihr Schicksal hat mich gelehrt, meinem Herzen zu folgen“, erinnert sich Jana Raile.

Seit 1992 steht sie nun auf der Bühne und erzählt. Ihr Repertoire reicht dabei von den heiß geliebten Texten der Romantiker und deren Suche nach der blauen Blume bis in die Moderne, in der sie mit E. W. Heines makabren Kille-Kille-Geschichten ganz im Stil von Roald Dahl fündig geworden ist.

Die Zuhörer der auf Einladung des Hamelner Hospiz-Vereins arrangierten Lesung zeigen sich fasziniert. „Wie macht die das bloß?“, fragen sich nicht nur der Maler Heinz-H. Wattenberg und seine Frau.

Gut ein Jahr arbeite sie an so etwas, erklärt die Erzählkünstlerin in der Pause. Erst werde der literarische Text erzählfähig gemacht, dann die Charaktere aufbereitet, am Ende alles in geistige Bilder umgesetzt. „Die laufen dann während der Erzählung in meinem Kopf ab“, verrät die Künstlerin.

Jana Raile knüpft an die Ursprünge des Theaters an, stellt sich ganz in die Tradition längst verschwundener Märchenerzähler à la Gebrüder Grimm. „Wir sind heute leider fixiert auf schnelle Bilder, das wird gerade bei den jungen Leuten kommender Generationen schlimmer werden“, klagt sie. Doch ihre Erfolge zeigen, dass die Sehnsucht nach Zuhören keinesfalls verschüttet ist. Im Gegenteil. Jana Raile ist sich sicher, dass Stillewerden und Zuhören derzeit eine Renaissance erfahren. „In Kindergärten, Schulen, aber auch bei Managerfrauen, denen ich zeigen kann, wie man konsequent einer Berufung folgt“, sagt Raile. „Wie unterm Tannenbaum. Da wird man wieder Kind“, sagt eine Zuhörerin leise, noch ganz unter dem Eindruck von Jana Railes herrlichem Kopfkino.

Fazit: Zwei Stunden Erzählkultur in Perfektion, die gezeigt haben, dass sowohl der literarische Erzählzauber wie der des Zuhörens nicht nur zu Weihnachten ein menschliches Grunderlebnis sind.



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