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So ganz nebenbei: „Aufgelesen“

Reihe startet mit „Das Leben ist gut“

HAMELN. Wolfgang Haendeler und seine Dramaturgin Ilka Voß – beide der Literatur verfallen – starteten das noch so junge Jahr am Montagabend mit einem literarischen Paukenschlag. „Aufgelesen“ heißt es nun für neun Folgen. Wiederholt; ein ganzer Roman an neun Abenden. Unterbrochen nur durch das längst auch bei uns traditionelle Neujahrskonzert am Sonntag. Neunmal Alex Capus also und sein erst im Herbst erschienener Roman „Das Leben ist gut“.

veröffentlicht am 03.01.2017 um 17:31 Uhr
aktualisiert am 27.01.2017 um 11:49 Uhr

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Lücken wollen nun mal irgendwie geschlossen werden – auch dann, wenn sie durchaus vernünftig und geplant sind. Nach den Feiertagen gehört Theater nicht zu den elementaren Dingen des Lebens. Ach, lass uns zu Hause bleiben, vom Hausherrn vorgeschlagen, der nur noch ein Ziel hat: sein Sofa. Es gibt also Gründe für Lücken – aber auch: das dringende Bedürfnis, sie zu schließen.

Zwei erfahrene Vorleser mit einem Werk, das die kleine Welt gegen die große ausspielt. Künstlerisch, artifiziell, wortschöpferisch und vergnüglich – vor allem aber: ganz nah am Alltag. Unserem Alltag. Seit 25 Jahren ist Max mit Tina verheiratet. Ein Schriftsteller, der mit Hingabe seine kleine Bar betreibt, sich eingerichtet hat im Leben zwischen Literatur und Tresen. Das Leben ist gut. Und plötzlich macht Tina einen Karrieresprung. Aufbruch zu neuen Ufern. Sorbonne, mitten im Quartier Latin. Paris. Max versucht, zu verstehen – auch wenn er tief innen nicht versteht, warum Frauen nicht zu Hause sein können um ihre Brut aufzuziehen.

25 Jahre – er tief verwurzelt, irgendwo mitten in der Schweiz vermutlich – wo sonst würde es eine Zigarttenmarke „Parisienne“ geben – sie nicht ganz so zu Hause, ohne jemals mit jemandem hier im Sandkasten gespielt zu haben. Als ob drei Söhne das nicht ausgleichen könnten. Eine – unter vielen, bezaubernde Szene: Mama mit freudig wackelndem Hintern bereits unterwegs zum Seine-Ufer – und der morgendliche Auftritt des männlichen Nachwuchses: und immer und immer anders nach Mama gefragt. Wo doch Papa zum Greifen nah ist.

Max kümmert sich fürs Altglas seiner Sevilla-Bar, das genau nach Farbton entsorgt werden will mit einer Art Morgen-Gymnastik zu den Farben Braun, Grün und Weiß. Auf dem Weg zum Container eine Baugrube, wo alte Männer Erinnerungen nachhängen. Wo sie vielleicht die erste Jimmy-Hendrix-Platte erstanden hatten. Kleine Einschübe und die Vermutung, dass es sich bei den Fußgängerüberwegknöpfen um Placebos handelt.

Und nicht verschwiegen, so gut das Leben auch sein mag: Es gibt Tage, an denen Tina einfach nur nervt und die Söhne vorsichtshalber bei Freunden übernachten. Für Max „Tage ihrer Unausstehlichkeit“. „Du dumme Kuh“ muht er – und von der mit Lachen quittiert. Das Leben darf wieder gut sein. Die Sevilla-Bar – fast ein Anachronismus aus einer Zeit, als Plattenspieler noch von Hand betrieben und früh an Blinddarm gestorben wurde, wie es heißt – dann die Geschichte des Hauses, das als Wolkenkratzerchen eher ein Stehzwerg denn ein Sitzriese ist – und die Weltwirtschaftskrise erst in der Fortsetzung der Lesungen.

Mehr als 30 Hörer-Zuschauer erleben den Start in eine neue Hördimension mit und Haendeler und Voß als ebenso liebenswerte wie blendende Rezitatoren – Vorleser, die den Text meinen und nicht sich und ihre Brillanz. Man hört ihnen gerne zu. Pointen als Pointen – aber ohne sie zu strapazieren. Eine lockere, gemütliche Atmosphäre in einer Foyer-Ecke – mit einem Stück Literatur, bei dem man auch beim Hören immer wissen will, wie’s weitergeht. Eine Geschichte, die man auch als Ausschnitt genießen kann. Um dann das Buch zu kaufen. Eine blendende Idee, dieses „Aufgelesen“.
Termine: Das Leben ist gut; bis 6. Januar und vom 9. bis 12. Januar im Theaterfoyer.



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