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Ivo Pogorelich polarisiert zum Saisonauftakt bei Pro Musica mit Schumanns einzigem Klavierkonzert

Rebellion und Askese

Hannover. Er braucht nicht einmal acht Takte, um sein Publikum in zwei Lager zu spalten. Acht Takte, in denen er sich jeder träumerischen Anmut verweigert – und jenes berühmte, alle Sätze durchziehende Thema aus Schumanns Klavierkonzert in a-Moll op. 54 Ton für Ton ins Klavier meißelt. Leise zwar – wie vorgeschrieben – aber eben nicht lieblich, lyrisch, wie man es von dem Klangpoeten Schumann erwartet, sondern mit bohrender Intensität.

veröffentlicht am 06.10.2014 um 17:34 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 16:21 Uhr

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Autor:

Jutta Rinas
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Ivo Pogorelich ist wieder da. Zum ersten Mal seit mehr als 20 Jahren war der Provokateur unter den Pianisten wieder in Hannover zu erleben. Optisch hat er sich stark verändert. Aus dem blasierten Beau ist ein asketisch wirkender Mann mit kahl rasiertem Schädel geworden. Aber sein Auftritt im Kuppelsaal machte jetzt auch deutlich: Die Fähigkeit des Kroaten zu polarisieren, sein Publikum durch exzentrische Interpretationen wahlweise zu faszinieren oder zu verstören, ist dieselbe geblieben.

Wer das Phänomen Pogorelich wirklich verstehen will, muss an den Anfang zurück. Ins Jahr 1980. Tatort Warschau. Chopin-Wettbewerb. Schauplatz eines der großen Skandale der Musikgeschichte. Man kann ihn heute noch auf TV-Mitschnitten nachempfinden. Da erklärt ein junger Schnösel mit Popperfrisur auf einer Pressekonferenz der Welt in einer unnachahmlichen Mischung aus Arroganz und Gelangweiltheit (und zudem ununterbrochen rauchend), warum ausgerechnet er Werke von Frederic Chopin besser als jeder andere Pianist interpretieren kann. Aufreizend gespreizt klingt es auch, wenn man ihn auf diesen alten Aufnahmen spielen hört: oft an der Grenze zur Exaltiertheit, aber oft auch überirdisch schön.

Das Entscheidende aber ist: Man hört, dass da jemand tatsächlich um eine Interpretation ringt. Dass das Klavierspielen eine existenzielle Angelegenheit ist. Eine, bei der man abstürzen kann, so heftig, dass alle Exzentrik zur leeren Attitüde wird. Oder eine, bei der sich das innere Ringen auf die Auseinandersetzung mit dem Werk und auf das Publikum überträgt – und einen Konzertabend zu einem Ereignis macht.

Genau das gelang dem 55-Jährigen jetzt auch im Kuppelsaal: mit einer Interpretation des einzigen Klavierkonzertes von Robert Schumann, der alles Träumerische, Liebliche, Lyrische fremd geworden ist. Wer den Komponisten der „Kinderszenen“ im Ohr hatte, den Lyriker Schumann, wurde geradezu schockartig enttäuscht. Aber wer offen war für eine Interpretation, in der auch die dämonischen, wahnhaften Züge Schumanns Gestalt annehmen, erlebte ein grandioses Konzert: einen angemessenen Auftakt der Jubiläumssaison von Pro Musica. Zum 50. Geburtstag werden 2014/2015 noch viele weitere prominente Musiker, darunter Lang Lang und Jonas Kaufmann, zu hören sein.

Abgerissen, fetzenartig, geisterhaft, klangen an diesem Abend bei Schumann schon im ersten Satz manche Phrasen. Pogorelich setzte irritierende Akzente, wartete mit grell blitzenden Trillern, dann wieder mit manchmal geradezu brachial klingenden Basstönen auf. Die Strenge, mit der er die linke Hand behandelte, stand auch in den Folgesätzen in ebenso extremem wie reizvollem Kontrast zu den feinsinnigen Differenzierungen in der rechten. Es gibt nur wenige Pianisten, die so viele Abstufungen in der Dynamik, so viele Klangfarben, überhaupt realisieren können. Den dritten Satz verwandelte Pogorelich am extremsten – in eine grell-dämonische Traumwelt, eine Phantasmagorie aus lauter Tönen. Sie fiel so wild, so unberechenbar aus, dass das Orchester des Abends, das Brussels Philharmonic Orchestra unter Chefdirigent Michel Tabachnik, teilweise nur unter Schwierigkeiten folgen konnte.

Das belgische Orchester hatte aber schon zu Beginn bei Beethovens Leonoren-Ouvertüre Nr. 3 in C-Dur op.72b seine Stärken ausgespielt und mit warmem, sattem, aber dennoch präzisem Streichersound überzeugt. Tabachnik, der auch als Spezialist für moderne Musik gilt und viele Uraufführungen dirigiert hat, zeigte sich auch bei Brahms’ kammermusikalischster Sinfonie, der Nr. 3 in f-Dur, op. 90, als Klangmagier, der in der Tiefe und in der Breite gleichermaßen nuanciert mit orchestralen Wirkungen umgehen kann. Großer Applaus, einige Buhs für den Pianisten – und Brahms Ungarischer Tanz Nr. 17 als Zugabe.



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