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Trumps Welt und die Polit-Serie: Ein Vergleich

Realität oder „House of Cards“?

WASHINGTON. Trump hier, „House of Cards“ dort. Ist das überhaupt zu vergleichen? Ist die Wirklichkeit des US-Präsidenten nicht zu scharfkantig für die Serie? Und wenn man es täte, was käme dabei heraus?

veröffentlicht am 16.08.2017 um 17:30 Uhr

Schauspieler Kevin Spacey als US-Präsident Underwood in der TV-Serie „House of Cards“. Foto: dpa

Autor:

Martin Bialecki

„House of Cards“ ist eine der beliebtesten und erfolgreichsten Polit-Serien im Fernsehen überhaupt. Es ist oft gesagt worden, dass die Ära Donald Trump so unwirklich und überzeichnet wirke, dass sie die Fiktion lange überholt habe. Stimmt das?

Die Netflix-Produktion – in Deutschland auf Sky und ProSieben Maxx ausgestrahlt – dreht sich nun bereits in der fünften Staffel um politische Intrigen und den eiskalten Aufstieg des Ehepaars Frank und Claire Underwood bis ins Weiße Haus. Mit Donald und Melania Trump, vor allem aber mit der politischen Realität, gibt es zwar Ähnlichkeiten und Überlappungen, die Serie saugt reichlich Stoff aus dem echten Leben. Aber große Unterschiede überwiegen.

Sie fangen damit an, dass Underwood viel besser angezogen ist als Trump. Er weiß sowohl im rechten Moment sein Jackett zu schließen als auch seine Krawatte so zu binden, dass sie auf Höhe der Gürtelmitte endet und nicht letztlich auf die Knie zeigt.

US-Präsident Donald Trump in seinem Amtszimmer, dem Oval Office. Foto: dpa

Dann wäre da natürlich Claire Underwood (Robin Wright): Kalt wie ein Husky, strategisch wie eine Schachmeisterin, politisch abgebrüht und vollkommen rücksichtlos - alles nichts, was man First Lady Melania Trump zuschreiben könnte. Der Zustand der Trump-Ehe sei einmal dahingestellt, Claire ist ihrem Frank jedenfalls Partnerin, Beraterin und Gegnerin. Jetzt auch mit Liebhaber.

„House of Cards“ spielt mit der Verderbtheit des Washingtoner Politikbetriebes. Die Serie mixt reale Missstände mit Überzeichnungen, Aberwitz und dramaturgischem Hokuspokus. Trump aber ist sein ganz eigener Dramaturg. Er ist auch sein eigener Regisseur, und er besetzt am liebsten alle Hauptrollen selbst.

Intrigen und Leaks, Perfidie und Anwürfe, das wirklich große Geld außerhalb der Politik - das ist in der Fiktion so wie in der Realität. Auch im Film brodeln die Tragödie Syriens und die Gefahr des internationalen Terrorismus, beides kann politisch instrumentalisiert werden.

Hier wie dort ist das Land zerrissen, gibt es starke Ex-Generäle, wird für bestimmte Gruppen ein Einreisestopp verhängt, und auch das Thema Wahlbetrug spielt eine große Rolle. Russland natürlich ebenso - allerdings kommt Präsident Viktor Petrov (Lars Mikkelsen) doch etwas salonlöwenhafter daher als Wladimir Putin.

„House of Cards“ ist – mittlerweile –deutlich vorhersehbarer als die Volten aus Trumps tiefer, oft dunkler Polit-Wundertüte. Die Underwood-Geschichte ist eigentlich erzählt, wird aber trotzdem immer weiter fortgeschrieben. Das tut der Dramaturgie wie bei manch anderen Serien nicht immer gut, da ist Trump schon als Neuling im Amt klar im Vorteil. „House of Cards“-Hauptdarsteller sagten vor dem Staffelstart, Trump habe der Serie alle guten Ideen gestohlen.

Der große Unterschied: „House of Cards“ muss man nicht schauen. An der Realität der Trump-Ära aber kommt man schwer vorbei. Die Wirklichkeit dieser Tage ist einfach stärker. Ein US-Präsident, der in einem Konflikt mit dem nuklearen Arsenal seines Landes droht, löst dann doch etwas anderes aus als ein Darsteller, der sein Heil in der Opferung seines Stabschef sucht.

Isoliert man einige Zitate, ist nicht ganz sicher, von wem sie stammen – Underwood oder Trump? Beispiele: „Ich glaube an die Präsidentschaft. Aber mehr noch glaube ich an die Macht. Vielleicht liebe ich die Macht doch noch etwas mehr.“ Oder der Präsident an sein Volk: „Du hast mich gewählt, Amerika. Na? Und jetzt? Verwirrt?“

Trump hat das Tempo der Ereignisse und der nachfolgenden Berichterstattung so auf permanentes Formel-1-Niveau hochgetrieben, dass das oft kammerspielartige „House of Cards“ dagegen mitunter ältlich wirkt. Gestellte Szenen mit echten CNN- oder MSNBC-Moderatoren injizieren der Fiktion dagegen geschickt reales Washington. Gleiches gilt für die Übertragungen von Ausschüssen des Kongresses oder der Anhörung eines FBI-Chefs - das kennt man doch? Hier verschwimmen beide Welten, so verschieden sie auch sind.

Der Journalismus kann dagegen im echten Amerika tatsächlich erfolgreicher und aufklärerischer wirken als in der Serie, allerdings werden Journalistinnen oder Mitarbeiter auch nicht von echten Präsidenten umgebracht. Schon aus theatralischen Gründen zeichnet das Fernsehen Gruppen und Kämpfe im Weißen Haus viel eindeutiger als das aus der abgeschotteten Machtzentrale tatsächlich möglich ist. Die Underwoods inszenieren Politik nach Gusto, bösartig beugen sie die Realität, wie es ihnen passt. Auch Trump nimmt es mit Wahrheit und Wirklichkeit nicht immer genau. Sehr einprägsam ist es, wenn sich Kevin Spacey als sinistrer US-Präsident direkt an das TV-Publikum wendet, das Wahlvolk als Komplizen bezichtigt: „Ihr habt Mitschuld an diesem System.

Ihr habt das alles zugelassen. Willkommen am Ende des Zeitalters der Vernunft.“ Laut hallt das Echo aus den Tälern der Trump’schen Welt.

Trotzdem: Von durchschnittlicher Erwartung an Politik ausgehend, scheint Trump im Vergleich zur Serie die noch stärkere Übertreibung zu sein. Während in der Serie ein Amtsenthebungsverfahren real wird, lässt eine Frau an der Spitze der USA im echten Leben weiter auf sich warten. In beiden Fällen aber gilt, dass eine Fortsetzung nach Lage der Dinge völlig offen ist. Das Wort haben Netflix und der Wähler.



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