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Rattenfänger-Literaturpreisträger Heidelbach: Ein bisschen "Moby Dick" steckt auch in seinem Buch

Ein halbes Jahr lang hat Nikolaus Heidelbach an seinem Buch „Wenn ich groß bin, werde ich Seehund“ gezeichnet. „Schwanger mit der Idee war ich fast zwei Jahre lang“, sagt der Illustrator und Kinderbuchautor, der am 23. November den Rattenfänger-Literaturpreis erhält. Im Interview verrät er Julia Marre noch mehr über sein Buch und dessen Entstehungsgeschichte.

veröffentlicht am 03.05.2012 um 17:04 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 08:21 Uhr

Heidelbach
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Ein halbes Jahr lang hat Nikolaus Heidelbach an seinem Buch „Wenn ich groß bin, werde ich Seehund“ gezeichnet. „Schwanger mit der Idee war ich fast zwei Jahre lang“, sagt der Illustrator und Kinderbuchautor, der am 23. November den Rattenfänger-Literaturpreis erhält. Im Interview verrät er Julia Marre noch mehr über sein Buch und dessen Entstehungsgeschichte.

Herr Heidelbach, ich muss Ihnen sagen: Ich bin ganz schön traurig …
Warum?


Weil ich gerade Ihr Buch gelesen habe. Und die Geschichte finde ich melancholisch und trüb.
Tja, also trüb lasse ich nicht gelten. Es ist eine Geschichte, die aus dem Leben gegriffen ist. Ich sehe keinen Grund, warum ich sie in einem Kinderbuch nicht erzählen sollte. Ich hab’s natürlich auch schon Kindern vorgelesen. Eine meiner Lieblingsreaktionen war die eines Mädchens, das aufzeigte und fragte: „Gibt es auch Band 2?“

Also auf die Geschichte gemünzt: Wird Mama zur Familie zurückkehren?!
Genau. Denn im Nachsatz ist auf dem Bild etwas zu sehen, das meist nur Kinder entdecken. Dort schwimmen drei Seehunde. Mit solchen Bildern arbeite ich gern.

Mit Geheimnissen, die in Ihren Bildern versteckt sind?
Ja, das ist ja der Witz! Ich schöpfe aus meiner eigenen Erfahrung. Kennen Sie Babar, den Elefanten?

Ja, den kenne ich.
Es ist für mich eines der prägenden Bücher, denn es beginnt damit, dass die Mama erschossen wird. Außerdem gibt es darin diese Landschaft: Babar fährt im Auto, es gibt Schiffe, Häuser, einen Zug. Dort habe ich ganz lange gewohnt, im Kopf. Deswegen lege ich so viel Wert darauf, wie ein Haus, wie ein Strand aussieht, dann kann ich vieles reduzieren. Ich habe sehr viel Vertrauen in die Kinder.

Oh ja, Kinder als Leser sind nicht zu unterschätzen.
Das stimmt.

Sie sprachen gerade vom Haus am Strand, in dem Ihre Protagonisten wohnen. Es sieht aus wie ein Granithäuschen und könnte glatt in der Normandie stehen, oder?
Ja, durchaus.

Ist Ihre maritime Geschichte etwa eine Urlaubseingebung?
Ich bin kein Gebirgsmensch, sondern ein Meermensch. Und topografisch wollte ich gar nichts Genaues machen. Die Ursprungsgeschichte spielt an der irischen Küste. Die Walfischkiefer, die am Gartenzaun stehen, habe ich von Captain Ahab aus „Moby Dick“. Die sind in der Normandie zu finden. Aber auch in Holland gibt es ein Museum, in dem ein gestrandeter Wal zu sehen ist. Anhand alter Illustrationen lässt sich nachvollziehen, wie sich die Menschen früher Meeresungeheuer vorgestellt haben, auch in alten Chroniken sind sie häufig abgebildet. Die Parade der Unterwasserwesen erklärt vielleicht meine Faszination fürs Meer.

Die Geschichte erinnert an eine uralte Seemannslegende. Wie sind Sie darauf gekommen?
Das verrät ein Zitat am Anfang des Buches: „An Land bin ich ein Mensch, im Meer bin ich ein selchie“, schreibt David Thomson in „Seehundgesang“. In den 50er Jahren sammelte er als BBC-Reporter in Schottland Seehundssagen. In seinem Buch habe ich eine Geschichte gefunden, die mich sofort fasziniert hat. Ein Fischer hat demnach drei Seehunde beobachtet, die an Land ihr Fell abwerfen und drei wunderschöne Frauen werden. Der Fischer behält eines der Felle – und eine der Frauen. Das ist ein altes Märchenmotiv, man kennt es aus „Schwanensee“. Es geht viel tiefer darum, was passiert, wenn sich zwei ineinander vergucken. In Thomsons Sage hat das Paar sieben Kinder. Das jüngste findet das Fell und bringt es der Mutter. Sie zieht es sich daraufhin an und robbt ins Meer. „Ich habe sieben Kinder an Land und sieben im Meer“, sagt sie zum Abschied. Als ich das las, hat’s bei mir sofort gescheppert.
Diese Nostalgie und dieses wunderbar Altmodische sind Ihrem Buch anzumerken.
Das stimmt, dazu habe ich sehr modernen Inhalt reingepackt. Es gibt sie eben, die Frauen und Männer, die weggehen. Dass man das auf diese Geschichte überträgt, um hoffentlich eine Art Gleichgewicht herzustellen, gewinnt der Legende fast etwas Mythologisches ab.

Auch wenn Sie durch Thomson einen Text als Vorlage hatten – was war zuerst da: Ihre Bilder oder Ihre Textfassung der Geschichte?
Das ist ein Prozess, der sich gegenseitig bedingt. Hier habe ich es selbst ausprobiert, da mein Sohn zur Entstehungszeit des Buches elf, zwölf Jahre alt war. Ihm habe ich die Geschichte erzählt und gemerkt, dass selbst ein Zwölfjähriger noch Interesse daran hat. Ich habe Entwürfe angefertigt, skizzierte Figuren. Dann gab es den Aufbau. Anfangs ist der Text immer länger. Je mehr ich male, desto kürzer wird er.

 

Bis Anfang März waren Bilder von Ihnen im Wilhelm-Busch-Museum Hannover ausgestellt. Werden im Zuge der Preisverleihung auch Bilder von Ihnen in Hameln zu sehen sein?
Ich glaube, die Organisation arbeitet daran. Ich muss sehen, ob es sich rentiert, sie für kurze Zeit zu zeigen, und ob es Originale sein werden. Daher weiß ich es noch nicht.

Wie viel Zeit haben Sie eigentlich in die Entstehung dieses Buches investiert?
Die reine Arbeit zu zeichnen betrug etwa ein halbes Jahr. Schwanger mit der Idee war ich fast zwei Jahre lang. Das ist auf der einen Seite sehr nützlich, aber auch die ökonomischen Bedingungen müssen stimmen. Ich kann sehr frei arbeiten, lasse mir in ein Buch von niemandem reinreden. Selbst der Verlag sieht es erst dann, wenn es fertig ist. Es ist eine Frage der Erfahrung: In den Kern der Geschichte wachsen eben immer neue Faktoren hinein, ich brauche die richtigen Figuren. Die Mutter wurde beispielsweise von Bild zu Bild schlanker. Die Idee, dass der Junge ins Buch eintaucht und wieder aus dem Buch auftaucht, kam mir erst spät. Insofern ist diese Zeit nicht verloren.

Gibt es eine Figur im Buch, die Sie gern umarmen möchten oder die Sie besonders mögen?
Ich entwerfe sie ja. In dem kleinen Jungen steckt eine Fülle von kleinen Jungen, allein die Körpersprache. Es ist eher eine künstlerische Beziehung, ohne Umarmungen.

Ich habe ohnehin vielmehr das Gefühl, dass Sie in die gesamte Geschichte verschossen sind …
Dem widerspreche ich, weil das Wort verschossen für mich nur mit einer gewissen Bewusstlosigkeit einhergeht. Ich empfinde sehr viel Empathie, aber ich kann sie kalt erzählen. Es ist keine emotionale, sondern eine künstlerische Arbeit. Wenn ich den Jungen mit einer Arschbombe ins Wasser sausen lasse, rufe ich vier, fünf, sechs, sieben Sommer mit Erinnerungen auf.



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