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Obwohl gestorben, leben sie noch heute

Es war einmal …“ gilt noch immer als „Sesam öffne dich“ der Grimmschen Märchenwelt – auch wenn nur rund 40 Prozent der Kinder- und Hausmärchen so beginnen. Selbst unvergängliche Hits der Sammlung wie „Hänsel und Gretel“ müssen ohne Standardformulierung auskommen, auch „Das tapfere Schneiderlein“, „Aschenputtel“ oder „Frau Holle“, während „Rotkäppchen“, „Schneewittchen“ oder „Rumpelstilzchen“ mit der vertrauten Formulierung für Märchenstimmung sorgen. Denn das machte immer wieder ihren Reiz aus, dieser vertraute Einstieg, wenn vor allem früher in der kalten Jahreszeit, wenn es schon früh dunkel wurde, in den Familien Märchen erzählt wurden, während die Spinnräder surrten.

veröffentlicht am 21.12.2012 um 12:29 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 09:21 Uhr

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Autor:

Richard Peter
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Sie heißen mit Recht Volksmärchen, weil sie im Volk ihre Wurzeln haben und von Generation zu Generation mündlich weitergegeben wurden, bis sie im 19. Jahrhundert immer seltener erzählt wurden – und schließlich in Gefahr gerieten, vergessen zu werden. Letzte Gelegenheit, sie zu retten. Zwei Romantiker, Achim von Arnim und Clemens Brentano, bestärkten die Gebrüder Grimm 1806, diesen literarischen Schatz zu erforschen, zu sammeln und so zu bewahren. Und die beiden Brüder, die nach ihrem Studium der Rechtswissenschaften in Marburg, dann in Kassel lebten, griffen das Thema auf.

So sehr sie sich mit den Romantikern beschäftigt hatten, ihre Werke kannten, so wenig identifizierten sie sich mit deren Zielen. Keine schwärmerische Nostalgie des Mittelalters mit Romanik und Gotik – die beiden Brüder wollten die Vergangenheit nicht beschwören. Sie wollten von ihr lernen, Schlüsse ziehen. Und bewahren. Und hatten das Glück der Tüchtigen auf ihrer Seite, als sie in der „alten Marie“ aus der Wildschen Apotheke, wie sie in die Literaturgeschichte einging, jemanden fanden, der die alten Geschichten noch im Gedächtnis hatte und auch erzählen konnte. Darunter so berühmte Märchen wie „Brüderchen und Schwesterchen“, „Rotkäppchen“ oder auch „Dornröschen“. Ein Viertel der ersten Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen hat sie übermittelt. Und darauf kam es den Brüdern an, vor allem Jacob, der stärker wissenschaftlich geprägt war als sein künstlerisch veranlagter Bruder Wilhelm – dass die Märchen unverfälscht, so, wie sie erzählt, auch aufgezeichnet wurden. Aber: Das konnte so nicht durchgehalten werden. Auch stellte sich heraus, dass die Quellen, die den Grimms zur Verfügung standen, auch Märchen aus Frankreich, wie sie beispielsweise von Perrault schon früher aufgezeichnet worden waren, nach Hessen gelangten. So wurde später, für die zweite Auflage, „Der gestiefelte Kater“ wieder ausgemustert, während „Rotkäppchen“, das sich auch in Perraults „Contes de ma mère Oye“ findet, erhalten blieb.

Große Verdienste um die Märchensammlung erwarben sich auch die Schwestern Gretchen und Dortchen Wild, Letztere ab 1825 mit Wilhelm Grimm verheiratet – dann die Schwestern Jeannette und Malchen Hassenpflug, später mit den Grimms verschwägert, aber auch Friederike Mannel oder der Dragonerwachtmeister Johann Friedrich Krause. Die wichtigste Quelle für den zweiten Band war Dorothea Viehmann, die aus einer Hugenottenfamilie stammte und allein 21 der populärsten Märchen beisteuerte. Reizvolle Randnotiz: Auch der berühmte, so früh verstorbene Maler Philipp Otto Runge übermittelte ebenfalls zwei Märchen, die Geschichte „Vom Machandelboom“ und die „Vom Fischer und syner Fru“. Runge, der durch bloßen Zufall, wie es heißt, die beiden Märchen zu hören bekam, hat in einem Brief an Achim von Arnim bemerkt, dass „solche Sachen eine außerordentliche Delikatesse für ihn seien“.

Neben den Märchen als dem „schönsten Stück epischer Volks- und Naturpoesie unserer Sprache“, behaupten die Grimmschen Märchen, wie sie heute in zwei Bänden präsent sind, eine Ausnahmestellung. Kaum vorstellbar, dass die ersten Ausgaben wenig Beachtung fanden und erst die sogenannte „Kleine Ausgabe“ in einem Band den Durchbruch schaffte und damit den Grundstein für die Popularität des Werkes legte. Ähnlich erging es auch den beiden Bänden der Sagensammlung „Deutsche Sagen“, die in den Jahren 1816 und 1818 erschienen waren und ebenfalls wenig Beachtung fanden. Was den Siegeszug der „Rattenfängersage“, die für Hameln so große Bedeutung erhielt, aber nicht verhinderte. Allerdings war es hier vor allem das große Poem vom „Pied Piper of Hamelin“ von Browning, das für weltweite Verbreitung und Popularität sorgte, zumindest in der englischsprachigen Welt. Auch hier mussten die Brüder, was die gattungsmäßige Abgrenzung betrifft, Kompromisse eingehen, wie sie auch bei den Märchen die authentische mündliche Überlieferung nicht konsequent durchhalten konnten und vor allem Wilhelm Grimm immer wieder Korrekturen vornahm, wenn es allzu grausam zuging oder die Erotik zu direkt im Vordergrund stand.

Die ersten Veröffentlichungen nach ihrem Studium in Marburg: „Altdeutscher Meistersang“ von Jacob und „Altdänische Heldenlieder, Balladen und Märchen“ von Wilhelm Grimm. Das war 1811. Bereits ein Jahr später erschien kurz vor Weihnachten der erste Band der Kinder- und Hausmärchen – die zuletzt von Wilhelm allein betreut wurden. Ebenfalls von Wilhelm herausgegeben: „Die deutschen Heldensagen“ – eine Sagensammlung vom 6. bis zum 16. Jahrhundert. In Kassel entstand auch Jacob Grimms „Deutsche Grammatik“ zwischen 1818 und 1819 im wahrsten Sinn des Wortes Blatt für Blatt herausgegeben. In seinem Werk ging es Jacob weniger um trockene Beschreibung als vielmehr um die Entwicklung der Sprachen – noch heute das Fundament für unsere Etymologie.

In ihrer Göttinger Zeit erschienen 1837 zwei weitere Bände der „Deutschen Grammatik“. Ihnen folgte „Reinekke Fuchs“, bereits 1811 begonnen, aber jetzt erst fertiggestellt, sowie 1835 ein Werk über „Deutsche Mythologie“. Nach ihrer Entlassung in Göttingen, weil sie mit fünf Kollegen („Göttinger Sieben“) eine Streitschrift gegen einen Verfassungsbruch von König Ernst August I. verfassten, entstand auf Vorschlag der Leipziger Verleger Karl Reimer und Salomon Hirzel das „Deutsche Wörterbuch“, der „Grimm“ wie es hieß, mit dem ehrgeizigen Anspruch, die deutsche Sprache von Luther bis Goethe, den die Grimms zutiefst verehrten, zu dokumentieren. Wilhelm arbeitete am Wörterbuch bis zum Buchstaben D, Jacob bis F. In ihrer Berliner Zeit entstand auch ihre „Geschichte der deutschen Sprache“ in der erstmals versucht wurde, Sprachgeschichte und Sozialgeschichte zu verknüpfen.

So faszinierend die Sprachforschungen der Brüder, die bis heute noch nachwirken – es sind die Märchen und die Sagen, die sie unsterblich machten und die alle Moden überlebten. In den 70er Jahren waren es vor allem die Grausamkeiten, die Psychologen und Pädagogen gegen sie aufbrachten – und die vergaßen, dass die Märchen auf „einem Mutterboden“ gewachsen waren, wie es in einem Essay von Hermann Riem heißt. Auch sexuelle Fantasien spielten eine Rolle bei der Märcheninterpretation – schon zu Grimms Zeiten, die da bereits mehrfach korrigierend eingegriffen hatten – auch wenn Jacob Grimm in einer Gedenkrede sagte: „Sie sind nichts Erdachtes, Erfundenes, sondern des ältesten Volksglaubens ein Niederschlag und unversiegende Quelle der eigentlichen lautersten Mythen.“ Das unterscheidet sie von allen anderen, anders wunderschönen Märchen von Andersen, Hauff und Bechstein – und kaum ein deutscher Dichter bis Hermann Hesse, der nicht eins gedichtet hätte.

Märchen, das war natürlich auch Unterhaltung des Volkes – und frühes Medium, als die Medien noch nicht allgegenwärtig waren. Aber eine Forderung musste es schon immer erfüllen: Es musste unterhalten und die Neugier der Kinder wecken. Man musste schon immer wissen wollen, wie es weitergeht. Und so ganz nebenbei vermitteln Märchen auch moralische Forderungen. Im „Froschkönig“ heißt es vom König eindeutig an seine Tochter gerichtet: „Halte, was Du versprichst“ und in der „Frau Holle“ wird Goldmarie belohnt. „Das sollst Du haben, weil Du so fleißig gewesen bist.“ Im Übrigen, um die Bedeutung der Märchen zu unterstreichen, die Kinder- und Hausmärchen sind mit Abstand das meistübersetzte Buch deutscher Sprache, aktuell in 160 Sprachen erhältlich. Gegenüber Achim von Arnim hat Jacob Grimm einmal gesagt: „Ich glaube, dass alle Kinder das ganze Märchenbuch in Gottes Namen lesen und sich dabei überlassen werden können …“. Die Kinder haben das zu allen Zeiten bestätigt. Grimms Märchen sind die schönste Hinterlassenschaft der beiden so eigenwilligen Brüder. Und obwohl sie gestorben sind, leben sie noch heute.

Lesen Sie morgen Teil 3: Historische Zeugnisse zu den Gebrüdern Grimm.

Ob Rotkäppchen, Schneewittchen, Aschenputtel oder Hänsel und Gretel – die Märchen der Brüder Grimm sind um die Welt gegangen. Vor 200 Jahren, am 20. Dezember 1812, erschien die Erstausgabe ihrer „Kinder- und Hausmärchen“. In dieser Woche ehren wir Jacob und Wilhelm Grimm. Eine märchenhafte Serie, heute Teil zwei.



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