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Auch auf Hamelns Bühne ein Hit: „Ziemlich beste Freunde“

Nur kein Mitleid

Hameln. Zu vermuten: von den rund neun Millionen Deutschen, die den französischen Filmhit „Ziemlich beste Freunde“ im Kino sahen, waren es etwa 600, die am Montagabend unser Theater füllten. Eine wunderschöne, faszinierende Geschichte – und das schier Unglaubliche: Sie ist wahr. Hat genau so stattgefunden. Und wieder einmal bestätigt, dass das Leben manchmal die besten Storys schreibt.

veröffentlicht am 19.04.2016 um 17:37 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 10:19 Uhr

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Autor:

Richard Peter
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Philippe Pozzo di Borgo, aus altem korsischen Adel und Chef des renommierten Champagnerhauses Pommery, ist seit seinem Unfall im Juni 1993 beim Gleitschirmfliegen gelähmt. Und auch Driss ist ganz real und heißt im wirklichen Leben Abdel Yamine Sellou und will nur eines, als er bei Philippe aufkreuzt: eine Unterschrift fürs Arbeitsamt. Und die bekommt er nicht – stattdessen: eine Anstellung auf Probe. Genau, was er verhindern wollte. Arbeiten. Und dann noch ein Behinderter. Weiß Gott, keine Freundschaft auf den ersten Blick. Nur peu à peu nähern sich die beiden so ungleichen Männer an. Das Bindeglied: Humor. Sie können lachen. Unbändig. „Keine Arme, keine Schokolade“ befindet Driss lapidar – es sei denn, er füttert Philippe damit. Schwarzer Humor, weil es einfach so ist.

Was Philippe überhaupt nicht braucht: Mitleid. Im Gegenteil. Und Driss ist dieses Gegenteil. Spontan, kackfrech, rüpelhaft – aber mit Charme. Ein Kleinkrimineller mit Herz und Schnauze. Entertainer, der Hoffnung gibt, weil er die Realität akzeptiert – mit ihr spielt. Kein ritualisierter Schleimer und Bedenkenträger. Du bist ein Krüppel, mach das Beste daraus. Hinreißende Szenen, wenn Driss mit Philippe einen Joint teilt – oder, abgelenkt von Magalies hübschem Hintern, den Löffel Brei auf Philippes Stirn tropft. Auch die Vivaldi-Nummer und Magalies Tanz-Einlage. Auch kleine sentimentale Einschübe – auch sie real. Philippes Frau Béatrice starb an Knochenmark-Krebs.

Was die Geschichte so vergnüglich unsterblich macht – so tragisch sie ist: sie wird weggelacht. Timothy Peach – immer wieder mal dezent an die Pilcher erinnert – als Philippe an den Rollstuhl gefesselt. Nur Kopf. Und Sex via Ohr. Auf Hilfe angewiesen. Ein Behinderter auf Mimik reduziert – und genau das vergessen macht. Felix Frenken als Driss. Ein Energiebündel – ganz im Jetzt und Heute. In seiner Welt verankert – freundlich, weil es Zeit spart. Weiterhilft, so oft er auch ausflippt. Aber warmherzig. Harte Schale mit weichem Kern. Weil er Philippe gefunden hat. Frenken kreischt, flippt aus, lacht sich halbtot – und wunderschön, wenn er sich selbst zähmt. Sara Spennemann als Vier-Frauen-Solo, die als seriöse Magalie mit Sinn für Ironie ein ausgeflipptes Tanzsolo hinlegt. Und Michael Haebler, immerhin in drei Rollen – und immer bewundernswert anders. Gerhard Hess am Regie-Pult – der genau die Mitte gefunden hat zwischen Klamauk, Sentiment und einer Handlung, die so überraschend normal anders ist. Und damit genau das Thema trifft. Den Film mit seinen so ganz anderen Möglichkeiten vergessen lässt. Und dem Publikum mit dem Tournee-Theater Thespiskarren einen wunderschön heiteren Theaterabend beschert.



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