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Nur ein sehr schwacher Bayreuth-Abklatsch

Hameln. Erstmals in der Geschichte der Bayreuther Festspiele wurde eine Inszenierung zeitgleich in hundert deutsche Kinos übertragen. Mit Wagners Bühnenweihspiel "Parsifal" wurde das Experiment in der gefeierten Inszenierung von Stefan Herheim gewagt, das aber gerade in der Übertragung der zentralen Musik mit der berühmten Bayreuther Akkustik vom "Grünen Hügel" nicht mithalten konnte, wie unsere Kritikerin Karla Langehein in ihrem Bericht von der Übertragung im Hamelner Maxx -Kino schrieb.

veröffentlicht am 12.08.2012 um 15:18 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 01:21 Uhr

kultur
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Von Karla Langehein

Hameln. Was Schiller schon 1799 in seinem Lied von der Glocke feststellte, gilt noch heute. Auch für das Wetter. Dass mit ihm kein ew’ger Bund zu flechten ist, war angeblich nicht nur in Hameln für erhebliche Störungen der Live-Übertragung aus Bayreuth verantwortlich. Offenbar reichte in Bayreuth das technische Equipment nicht aus, um gleichzeitig mehr als hundert Kinos in Deutschland zu versorgen.
 Was Richards Urenkelinnen damit beabsichtigten, nämlich mittels reichlichen Angebots von (im Vergleich mit Bayreuth) „preiswerten“ und weichen Sitzgelegenheiten Wagners Bühnenwerke einer breiten Zuhörerschaft bekannt zu machen, war hübsch ausgedacht. Und wer die ungepolsterten, engen Holz-Klappstuhl-Reihen Bayreuths je erlitt, mag den weichen Kinosessel wohl schätzen. Dass man dafür aber auf das technisch nicht realisierbare Erlebnis der einzigartigen Bayreuther Akustik verzichten muss, schmälert das Vorhaben um seinen essentiellsten Teil: den Klang.
 Das hätten die Damen vom Grünen Hügel bedenken müssen. Vielleicht hätten sie sich auch fragen sollen, wer sich an einem sonnigen Nachmittag für rund 30 Euro und vorhersehbare sechs Stunden in ein Kino setzt – wenn die Live-Übertragung gleichzeitig auf „arte“ zu sehen ist. Zudem war die Vermarktung schlecht – in den Reihen des Hamelner Filmpalasts MAXX verloren sich zwölf Wagner-Freunde.
 Was sie sahen, war die vielfach gefeierte Inszenierung von Stefan Herheim. Er nutzt das Wagnersche Vorspiel zur frei erfundenen Szene und präsentiert darin ein Bild, das Alban Bergs Wozzeck entnommen ist: Herzeleide auf dem Sterbebett und ihr kleiner Sohn Parsifal spielt mit seinem Schaukelpferd auf der Straße.
 Es bleibt nicht die einzige bildliche Anleihe aus anderen, auch Wagner-Opern, die Herheim in seinen Parsifal einfügt und damit Fragen aufwirft. Warum haben im ersten Akt alle Mitwirkenden riesige Rabenflügel auf ihren Rücken? Warum trägt Amfortas im wirren Langhaar eine Dornenkrone, als sei er gerade aus Oberammergau geflohen? Warum taucht die doch schon im Vorspiel wirkungsvoll gestorbene Herzeleide später als schmerzvoll Gebärende wieder auf?
 Herheim versetzt das Leben Parsifals in die Zeit von etwa 1910 bis 1945 und arbeitet mit Überblendungen sowohl der Zeit wie auch der Personen. Folgerichtig zeigt das Bühnenbild (Heike Scheele) durchs Fenster der Villa Wahnfried Ausschnitte aus Originalfilmen beider Weltkriege und wechselnde Möblierungen. Einzig das Bett als Quelle allen Unglücks bleibt unverrückbar in der Mitte stehen.
 Die Kostüme der zahlreichen Komparsen (Gesine Völlm) folgen der Mode dieser Zeiten, von Jahrhundertwende über Pickelhaube und Naziemblemen bis zur Alliierten-Uniform. Warum aber die Ritter der Artusrunde als Soldaten des ersten Weltkriegs auftreten und dem kranken Amfortas ihre Hilfe versagen – auch das ein Rätsel. „Die Weihe ist weg“, so im Pauseninterview der zustimmende Kommentar des Wagner-Spezialisten Udo Bernbach.
 Das Solistenensemble ließ keine musikalischen Wünsche offen. Hervorragend das Herrenquartett Kwangchul Youn (Gurnemanz), Detlef Roth (Amfortas), Thomas Jesatko (Klingsor) und Burkhard Fritz in der Titelrolle. Und überragend Susan Maclean mit dem Monolog im zweiten Akt und einer großartigen schauspielerischen Darstellung der zwiespältigen Kundry. Philippe Jordan, der designierte Chefdirigent der Wiener Symphoniker, leitete Bayreuths Orchester, die Solisten und den von Eberhard Friedrich einstudierten Chor durch die schwierige Partitur. Dennoch war das Kinoexperiment nicht mehr als nur ein sehr schwacher Bayreuth-Abklatsch.

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