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Eg Witts „Der Schweinekassierer“ aus der Glasbläsersiedlung

Nostalgie unter „Rothäuten“

RINTELN. „Mit „Glutofen“, einem Erzählband, der bereits 2008 herauskam, hat Eg Witt seiner Heimatstadt Rinteln und den Glasbläsern, die dort eine eigene Gemeinde bildeten, ein liebenswertes, auch spannend zu lesendes Denkmal gesetzt. Eine eigene Welt. Und ganz nebenbei: Erinnerungen an die Kindheit in der Nachkriegszeit. Und die spielt auch in Witts Roman „Der Schweinekassierer“ wieder die Hauptrolle. Erinnerungen – diesmal fiktiv in eine Romanhandlung umgeformt. Und „Der Schweinekassierer“ – ob real oder erfunden oder auch ein bisschen beides – eine faszinierend-schillernde Figur, wie sie damals immer wieder anzutreffen war. Nicht nur in Rinteln.

veröffentlicht am 13.06.2017 um 16:37 Uhr

Eg Witt während einer Lesung seines Romans „Der Schweinekassierer“. Foto: archiv/Dana
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Autor

Richard Peter Reporter
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Der Verlust eines Armes beim Russland-Feldzug, hat aus ihm keinen Gegner der Nazi-Zeit gemacht. Im Gegenteil – die vielen Flüchtlinge aus dem Osten sind dem Kassierer ein Dorn im Auge – schließlich kennt er, wie er sagt, die da aus dem Osten. Im Stadtteil, in welchem die Roten wohnen, wie Witt schreibt, „lupenreine Rothäute“, also Kommunisten, bei denen der Schweinekassierer zwei Mal monatlich jeweils 30 Pfennig für die Versicherung der Speck-, Würste- und Fleischlieferanten kassierte. Und die stellten so etwas wie eine Lebensversicherung dar. Eine Art Überlebenssicherung.

Witt kennt die Zeit, weiß, dass die Alten nicht gerne über ihre Vergangenheit sprechen wollten, weder über die eigene noch die Nazizeit. Was ich Witt nicht abnehme: die Jungen, die so gerne Antworten auf brennende Fragen gehabt hätten und sich als Weltbürger fühlten – eine Art Gutmenschen.

Die sie nie waren, auch wenn sie für eine Aufführung von Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ probten. Meine Erinnerung: die Alten wollten vergessen – und die Jungen nichts wissen. Weil man nicht wissen will, was man nicht weiß und verschwiegen wird. So bleibt die Jugend – die eigentlichen Handlungsträger – seltsam idealisiert.

Was nicht bedeutet, dass der junge Verlagskaufmann Hans Trestow nicht stinksauer auf seinen Patenonkel, den Schweinekassierer und Altznazi ist, der wann und wie immer er kann, gegen die Flüchtlinge hetzt. Ausgerechnet: denn Hans hat sich in so ein Flüchtlingsmädchen unsterblich verliebt. Was ihn allerdings nicht hindert, bei einer Reise nach Amsterdam, wo er mit seinem Freund im Rotlichtviertel logiert, eine Beziehung mit einer Gelegenheitsprostituierten zu beginnen.

„Der Schweinekassierer“, Eg Witts zweiter Roman ist nur bedingt eine Zeitgeschichte, die an der 50er-Jahre erinnert. Weil Witt aus seinen Jugendlichen etwas macht, das erst in den späten 60ern Realität wird. Schade, denn die Titelfigur ist, so real-negativ sie auch auftritt, eine Figur, wie sie nicht vergessen werden soll. Über ihn hätte ich gerne mehr gelesen.

Eg Witt: „Der Schweinekassierer“, Pro BUSINESS-Verlag Berlin, 196 Seiten, 12.80 Euro.

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