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„Der Araber von morgen“ – Riad Sattoufs Abrechnung mit den Lebenslügen der arabischen Elterngeneration

Nicht von gestern

Saddam wird Großes leisten“, schwärmt Abdel über den irakischen Diktator. Er lobt Gaddafi, den Diktator Libyens, als „großen arabischen Präsidenten“. Er nennt den Angriff Saddams auf den Iran „couragiert“. Und während er die Vorherrschaft der eigenen „Rasse“ lobt, flezt er auf dem Sofa und schaut zu, wie sich seine Frau am Bügelbrett abmüht.

veröffentlicht am 30.03.2015 um 17:14 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 08:38 Uhr

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Autor:

Daniel Alexander Schacht
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Keine Frage, Abdel kommt bei seinem Sohn Riad Sattouf nicht gut weg. Er ist eben nicht „der Araber von morgen“, den der Vater selbst stets als Fortschrittsmodell im Munde führt, der antiimperialistisch und demokratisch, aufgeklärt und nichtreligiös ist. Nein, Abdel ist zwar nach Frankreich zum Studieren gegangen, um dem Militärdienst in seiner Heimat Syrien zu entgehen. Aber er hat die traurige Mischung aus Nationalismus, Militarismus und Islamismus keineswegs hinter sich gelassen, zu der der Panarabismus nach dem Ende des Ersten Weltkriegs bald verkommen ist.

Sein Sohn Riad aber stellt unter Beweis, dass sich die eigentlich düsteren Geschichten gescheiterter Integration von Arabern in Europa, von arabischen Lebenslügen und Perspektivlosigkeit, als Graphic Novels auch mit Witz, Ironie und Sarkasmus erzählen lassen, als Geschichten, die am Ende sogar eine Tür zu einer besseren Zukunft aufstoßen. Riad Sattouf, das ist der 37-jährige Zeichner, der in seiner französischen Heimat bereits Träger des Prix René Goscinny ist. Auch die nicht selten prekäre Identität des muslimischen Einwanderers hat er sich schon oft vorgenommen. Mit der von einer einschneidenden Erfahrung kündenden Graphic Novel „Meine Beschneidung“ – und mit den Karikaturen aus der Lebenswelt der Banlieue, die er über zehn Jahre hinweg für das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ gezeichnet hat.

In „Der Araber von morgen“ schildert er zeichnerisch die Jahre seiner Kindheit, die ihn mit seiner bretonischen Mutter und dem arabischen Vater erst ins Tripolis Gaddafis und dann ins syrische Heimatdorf des Vaters führten, der im chauvinistischen Frankreich vielleicht gerade wegen seines eigenen Chauvinismus – und übrigens auch einer kräftigen Prise Antisemitismus – nicht zurechtkommt. Dass sich dieser erste Teil einer Coming-of-Age-Geschichte mit viel Vergnügen lesen lässt, liegt an seiner konsequenten Kinderperspektive. Da nennt die Mutter George Brassens „einen Gott“ und bekommt deshalb Ärger mit dem für sie plötzlich überraschend traditionellen Gatten („Kein Mensch kann Gott sein!“) – doch für Riad trägt „Gott“ von nun an die Züge des Chansonniers Brassens. Da schreckt man im „sozialistischen“ syrischen Regime nachts von lauten „Gott ist groß!“-Gebetsrufen hoch. Und da spielen Riad und seine syrischen Cousins Krieg gegen Israel. Dabei muss der zugereiste Riad sich mit den Figuren der selbstverständlich stets feigen und unterlegenen israelischen Spielfiguren bescheiden. Und das Ganze ist mit einem naiv-groben und damit klaren Strich gezeichnet und in ebenso klaren Grundfarben – Grün für Syrien, Gelb für Libyen, Blau für Frankreich – koloriert.

Am Ende ist vielleicht Riad selbst der „Araber von morgen“ – nämlich einer, der die Lebenslügen seiner Elterngeneration endlich souverän hinter sich lässt. Er ist es übrigens auch durch seine Haltung zum Magazin „Charlie Hebdo“, für dessen Sonderausgabe er nach dem Attentat zwei Comics gezeichnet hat.



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