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Nicht nur beim VHS-Seminar durch den Seelengarten gelatscht

Von Richard Peter

Hameln. Schon mal als „Graue Panther“ apostrophiert, die Alten, deren Zahl wächst und wächst und die so gerne euphemistisch als Senioren betitelt werden – und vor allem eines sind: einsam. Allein und sich selbst ausgesetzt. Und allemal ein Thema. Nicht nur, wenn es um die Renten geht. Sie sind da und wollen Leben. Vor allem nicht allein. Doch sie alle schleppen ihr Bündel mit, Gepäck, das als Lebenserfahrung deklariert, so wenig hilft, wenn es darauf ankommt.

veröffentlicht am 14.11.2010 um 14:40 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 10:21 Uhr

Kultur
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Von Richard Peter

Hameln. Schon mal als „Graue Panther“ apostrophiert, die Alten, deren Zahl wächst und wächst und die so gerne euphemistisch als Senioren betitelt werden – und vor allem eines sind: einsam. Allein und sich selbst ausgesetzt. Und allemal ein Thema. Nicht nur, wenn es um die Renten geht. Sie sind da und wollen Leben. Vor allem nicht allein. Doch sie alle schleppen ihr Bündel mit, Gepäck, das als Lebenserfahrung deklariert, so wenig hilft, wenn es darauf ankommt.
 Lutz Hübner, mit Gespür für aktuelle Themen hat mit „Blütenträume“ ein Stück über und für Alte geschrieben, die nicht mehr allein zu Hause sitzen wollen und warten, bis der Sensenmann anklopft. Ein Volkshochschul-Seminar vereint sie, die so ganz unterschiedlichen Teilnehmer mit ihrem Seminarleiter Jan. Ein einziges Fiasko. Denn der junge Seminarleiter (Armin Sengenberger), der als Schauspieler gescheitert war, verlässt sich auf antrainierte Methoden, die den älteren Herrschaften nicht gerecht werden.
 Da ist die Witwe Frieda (Claudia Rieschel), die als Studentin ihren Professor heiratete, der dann lange Jahre, von ihr gepflegt, dahindämmerte – die gar nicht mehr weiß, was Leben heißt. Aber da ist auch die noch relativ junge Julia (Saskia Valencia), erfolgreiche Maklerin, die alles arrangieren kann, außer ihr eigenes Leben. Oder die so griesgrämige wie scharfzüngige Bibliothekarin Britta (Antje Corelissen), die wie ein Elefant im Porzellanladen auftritt, alles niedermacht. Dazu ein eitler rheinländischer Schuldirektor (Hans-Peter Deppe), der so wenig Humor mitbringt und zwei sympathische Handwerker, der Schreiner Ulf ( Michael Altmann) und der Automechaniker Heinz (Michael Derda) und noch die Witwe Gila (Renée Zalusky), die einfach nur einsam ist, obwohl sie für die Zweisamkeit wie geschaffen wäre. Der Kurs, wie gesagt, eine einzige Katastrophe mit Rollenspielen, die keiner spielen will und kann, weil sie nur ein paar Tipps wollen, wie sie zu einem Partner kommen und nicht auf Seelenstrip mit Publikum erpicht sind.
 Die Gruppe löst sich auf, aber nach der Pause bei einer feuchtfröhlichen Party bei Frieda sind sie, alkoholgelöst, wieder beisammen. Und als Höhepunkt, reichlich promillemutig: die Idee einer Alten-WG. Einfach zu schön, um wahr zu sein.
 Doch dann, nach so viel Euphorie, kneift der Schuldirektor und auch die biestige Gerda weiß plötzlich, dass sie Solistin ist. Heinz muss unters Messer und empfiehlt, ihn rechtzeitig zu besuchen. Alles bröckelt – am Schluss bleibt nur ein Paar übrig, das es vermutlich nicht lange bleiben wird. Zu unterschiedlich Frieda und Ulf, die es aber wenigstens versuchen.
 Sie sind ein Problem, haben Probleme, die Senioren, die vom Leben so geprägt sind, dass von Goethes „Stirb und Werde“-Forderung nicht allzu viel übrig bleibt. Und alle auf der Suche nach Liebe.
  Die Inszenierung von Kay Neumann lebt von den so unterschiedlichen Charakteren, die hier ein VHS-Seminar zusammenwürfelt. Hemmungen, Sehnsüchte, Ausbrüche, Zynismus als Selbstschutz und Distanz, wo sie doch nichts als Nähe suchen. So pendelt das Stück zwischen Komödiantik und rührenden Szenen und zeigt vor allem, dass wir uns selbst im Weg stehen.



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