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Schnitzeljagd durch Wirtshäuser

Narrenspiel samt Spiegel

veröffentlicht am 14.01.2018 um 18:08 Uhr

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Autor

Richard Peter Reporter
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HAMELN. Man müsste weinen, wenn es nicht so lachhaft, lachen, wenn es nicht so tragisch wäre. Schnitzeltester Heinz Brösel und Aufsichtskraft Kurt Fellner auf bescheidener Tour über Brandenburgs verlassene Dörfer. Von einem biederen Wirtshaus ins nächste – Schnitzel auf Schnitzel und der Kollege fixiert auf Fluchtwege, Brandschutztüren, rutschfeste Teppiche und Sauna-Sicherheit, wo es gar keine gibt. Nämlich Sauna. Ein Paar, das alles ist – nur nicht füreinander bestimmt.

Brösel drückt Fellner original ostgeschmolzenes Gänseschmalz ins Gesicht und der nennt seinen wenig geschätzten Partner schlicht eine „bescheuerte, arrogante Arschgeige“. Auf diesem Niveau unterwegs und „lauter Idioten“ – womit die Wirte gemeint sind. Und Cottbus – beliebte Sprechübung: Der Cottbuser Postkutscher“ promilleselig zu Kotzbus gesteigert. Es ist zum Kotzen. Und genau das gespielt und vorgeführt: unterstes Level. Selbst, wenn die beiden nüchtern sind. Mit Schnaps wird es geradezu unterirdisch ehrlich. Da darf die sonst noch unterdrückte Sau raus. Im und am Etagenklo – Brösel drinnen, muss groß, Fellner draußen mit kleinerem Bedürfnis – werden sie Freunde. Dann die Wende: Kurti im Krankenhaus. Krebs. Und eine Szene rührender – herrlich verschroben – als die andere. Schatten des Todes und nichts als Hilflosigkeit. Kurti stirbt, Heinzi bleibt zurück. So einfach ist das – und unausweichlich. Wunderbar gespielt von Andreas Erfurth und Sebastian Bischoff. So schamlos klein, wie wir manchmal sind, uns und der Welt ausgeliefert. Und zwischendrin – vom Weihnachtsmann über den Osterhasen bis Bollywood: Saro Emirze als Mehrfachwirt, immer mal auch in Kleidern und als indischer Arzt. Und Song auf Song zwischen den Spielszenen von „White Christmas“ über „Kalkutta liegt am Ganges“ und im legendären weißen Bademantel von Udo Jürgens „Ich war noch niemals in New York“.

So bösartig wie witzig der Brandenburg-Song und der Osterhase mit „Witzischkeit kennt keine Grenzen“. Auch Peinlichkeit nicht – aber die perfekt gespielt und gesungen. Und alle drei Ebenbilder Gottes. Was immer der sich dabei gedacht haben mag.

Das Leben kann manchmal ganz schön daneben sein. Fremdschämen auf „Indien“-Niveau in der Tragikomödie von Josef Hader und Alfred Dorfer am Freitagabend auf der Hamelner Bühne in der Inszenierung von Kai Frederic Schrickel mit dem Neuen Globe Theater Potsdam.

Ein böses Stück, ordinär, wenn auch komödiantisch abgefedert – was es vermutlich noch abgefeimter macht. Ein Narrenspiel samt Spiegel – und das nächste Mal mit Molières „Scapin“.



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