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Nach dem Gottesdienst feierlich enthüllt

In unserer Serie "Der Skulptur auf der Spur" schreibt Julia Marre diesmal über das Schläger-Denkmal von Oskar Rassau, das seit 1875 am Münsterkirchhof steht. Mit dem Denkmal wurde Schläger, 47 Jahre lang Senior, also Hauptpastor der Rattenfängerstadt, geehrt, der unermüdlich soziale, wirtschaftliche und gesundheitliche Ziele förderte. Außerdem gründete er die "Hämelnschen Anzeigen zum Besten der Armen" und verfasste Artikel für pädagogische Zeitschriften. Darübe hinaus kümmerte er sich um Blinde und Kranke, um Arme, Dienstboten und Strafgefangene.

veröffentlicht am 27.01.2012 um 12:24 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 18:41 Uhr

kultur
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Hameln. Sie stehen im Bürgergarten, an der Weser, in der Fußgängerzone: Skulpturen gibt es in Hameln nahezu überall. Woher kommen sie? Weshalb zieren sie den jeweiligen Standort? Und wie lange schon? Julia Marre hat sich umgesehen. Die Ergebnisse dieser Spurensuche stellen wir in loser Folge vor. Heute: Oskar Rassaus Senior-Schläger-Denkmal am Münsterkirchhof.

Im vergangenen Winter, als es besonders kalt war, trug Senior Schläger zwischenzeitlich eine Strickmütze. Der große Grüne suchte Schutz unter der wärmenden Kopfbedeckung. Die hatte ihm offenbar ein mitfühlender Passant aufgesetzt. In diesem Winter ist er Regen und Sturm, Hagel und Schnee ungeschützt ausgesetzt. Zu stören scheint ihn das nicht: Unbeirrt blickt er erhobenen Hauptes gen Münsterkirche. Kein Wunder, setzte sich der Pfarrer und Publizist doch zeit seines Lebens für den Wiederaufbau des Münsters ein. Franz Georg Ferdinand Schläger, 1781 in Quickborn geboren und 1869 in Hameln verstorben, war nicht nur 47 Jahre lang Senior, also Hauptpastor, in der Rattenfängerstadt. Unermüdlich förderte er soziale, wirtschaftliche und gesundheitliche Ziele. Er war Volkserzieher. Und er gründete die „Hamelnschen Anzeigen zum Besten der Armen“. Darüber hinaus verfasste er Artikel für pädagogische Zeitschriften. Er setzte sich für die Pflanzung von Obstbäumen und die zweckmäßige Ernährung nach den Freiheitskriegen ein. Er kümmerte sich um Blinde und Kranke, um Arme, Dienstboten und Strafgefangene.
 Oktober 1873: Es ist jener Monat, in dem Kaiser Wilhelm I. für Deutschland, Kaiser Franz Joseph I. für Österreich-Ungarn und Zar Alexander II. für Russland das Dreikaiserabkommen unterzeichnen. In Hameln sitzt zu dieser Zeit das Bürgervorsteherkollegium beisammen. Auf der Tagesordnung vom 23. Oktober prangt folgendes Thema: der Standort für das Schläger-Denkmal. Fast auf den Tag genau ist der Tod Schlägers vier Jahre her. Ihm zu Ehren hat der Dresdner Bildhauer Oskar Rassau die Statue geschaffen. Nur wo soll das bronzene Ehrenmal aufgestellt werden? Das Kollegium spricht sich „für den Platz auf dem Kirchhof, der Münsterkirche gegenüber“ aus. So ist der Tagesordnungspunkt 14 im Protokoll festgehalten und im Hamelner Stadtarchiv überliefert. Wie aus den Unterlagen vom 1. Mai 1891 hervorgeht, hat der Erbauer Oskar Rassau für die Statue etwas mehr als 4500 Mark erhalten. Für Bekränzungen waren im Unterhaltungsplan der Stadtverwaltung weitere Gelder vorgesehen.
 Rassau war seinerzeit unter den Bildhauern kein Unbekannter. 1843 in der Nähe von Hannover, in Schulenburg, geboren, studierte er vier Jahre lang an der Kunstakademie Dresden. Hier lernten später auch der Architekt Alfred Liebig oder der Zeichner und Maler George Grosz ihr Handwerk. In Dresden hatte Rassau offenbar auch die Entwürfe für das Schläger-Denkmal skizziert. Nach ihnen goss der Erzgießer Hermann Howald damals in Braunschweig die Figur. Ein feierlicher Gottesdienst ging am 13. Juni 1875 der Enthüllung des Denkmals voran. Im Münster wurde an diesem Tag erstmals nach 72 Jahren wieder ein Gottesdienst abgehalten: 1803 hatte Pastor Röpke den Sakralbau schließen lassen – wegen dringender Reparaturarbeiten. Die Kirche diente zwischenzeitlich als Heu- und Strohlager, sogar als Pferdestall. Die Zweckentfremdung dauert noch an, als Senior Schläger schon einen Kirchenbauverein in Hameln gegründet hatte. Erst 1870 begann man mit dem Wiederaufbau des Münsters.
 Und das Schläger-Denkmal? Im Oktober 1955 gab es eine Ortsbesichtigung des Stadtrates, an der als Sachverständiger der Pyrmonter Bildhauer Peter Szaif teilnahm. Der Grund: Der Sandsteinschaft, auf dem damals auch die Schrift angebracht war, war stark verwittert. Man dachte über eine Restaurierungsmöglichkeit nach. Szaif schlug die Fertigung einer Bronzeplatte mit neuer Beschriftung vor.
 Im August 1962 zog das Denkmal gen Bäckerstraße: Um zehn Meter wurde die Bronze-Statue versetzt – weil am Münsterkirchhof 13 Parknischen angelegt wurden. Dort steht sie seither. Manchmal mit Mütze, manchmal ohne Mütze. Aber immer sein Münster fest im Blick.



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