weather-image
21°
In der Herbstaufführung der Hamelner Kantorei gelingt ein gewagter musikalischer Spagat

Mit Witz, mit Geist und mit Authentizität

Hameln. Von der „Alt-Rhapsodie“ von Johannes Brahms zu Gioachino Rossinis „Petite Messe Solennelle“ gelangt man eigentlich nur durch einen gewagten Spagat. Ein musikalisch radikaler Kontrast, haben doch beide Künstlerpersönlichkeiten wenig gemeinsam. Auf der einen Seite die lyrische Poesie, der verhaltene Klang des introvertierten Norddeutschen, dem gegenüber Italiens sonniger Süden, die leichte Handschrift eines Buffo-Opernkomponisten, der als gefeierter Star und Lebemann in ganz Europa zu Lebzeiten Kultstatus erreicht hatte.

veröffentlicht am 08.11.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 15:41 Uhr

Autor:

Winfried Kühne
Weiterlesen mit Ihrem Digital-Abonnement
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Dieser Spagat gelang Kreiskantor Hans Christoph Becker-Foss in der Herbstaufführung der Hamelner Kantorei an der Marktkirche, verstärkt durch die „Großen Kleinen“ und das Göttinger Vokalensemble (Einstudierung Andreas Jedamzik). Wie gewohnt konnte er sich auf die bewährte Unterstützung durch die Jenaer Philharmonie verlassen.

Beide Werke darf man am Rand der Kirchenmusikliteratur ansiedeln. Aber Brahms will seine Rhapsodie als Beitrag dazu verstanden wissen, denn kurz nach Fertigstellung im November 1868 schreibt er an seinen Freund Joachim: „Doch gibt es vielleicht Leute, die ein derartiges Gebet im Zimmer brauchen können.“ Als Prolog zur „Petite Messe Solennelle“ wirkte sie wie das Schuldbekenntnis, das Confiteor, die Selbstanklage eines in tiefer Depression an der Welt Verzweifelten mit der Bitte um Trost und Vergebung. Die Altistin Wiebke Lehmkuhl wusste in angemessener Gelassenheit und mit langem Atem die Zwiespältigkeit des Doppelerlebnisses von Natur und psychischer Erkrankung glaubhaft zu machen. In typischen gedämpften Brahms’schen Klangfarben, im Zwiegesang mit dem Männerchor verströmte sie in dem abschließenden Gebet „Ist auf deinem Psalter“ jenen Hauch von Trost und Zuversicht, der es einem „armen Sünder“ ermöglicht, mit Freude und Anteilnahme die Messe mitzufeiern.

Rossini stapelt ganz schön tief, wenn er seine petite Messe als „arme kleine Messe“ bezeichnet, auch die Bemerkung „ein bisschen Können, ein bisschen Herz“ strotzt vor Selbstironie. Seine Musik ist nicht nur Theater, großes Theater, sie ist eine würdige musikalische Ausschmückung des theatralischen Geschehens am Altar. Becker-Foss bediente die Vorstellung Rossinis als Stimmfetischist und Vokalästhet. Ein hervorragender Mischklang aus mehr als 150 Kehlen, homogen und präzise in allen dynamischen Nuancierungen, wirkungsvolle Crescendi und plötzliche Ausbrüche, aber immer jene Grazie und Eleganz der Melodik, die Rossinis Handschrift so unverwechselbar machen. Die stimmlichen Highlights sind einem Solistenquartett überlassen. Alle vier genossen förmlich die natürliche Sangbarkeit ihrer Arien, und das Publikum war beglückt von der Einprägsamkeit der Melodien. Katrin Silja Kurz mit jugendlichem Sopran im „Crucifixus“ und „O salutaris“, die Altistin Wiebke Lehmkuhl ausdrucksstark im „Agnus Dei“, in ihrem Duett „Qui tollis“ fühlte man sich bei dem Dialog mit den zwei Harfen versetzt in die Villa Borghese bei Nacht! Der Tenor Raphael Pauß, sein „Rex Coelestis“ in strahlender Siegerpose, und der Bassist Henryk Böhm als Souverän im „Tu solus Sanctus“.

Emotional ergreifend das Solistenquartett im Zusammenhang mit dem Chor, begeisternd der triumphale Jubel im „Et resurrexit“ und fast andächtig das verinnerlichte „Sanctus“. Die Musiker der Jenaer Philharmonie musizierten mit Engagement die für Instrumentalisten mehr als ergiebige Partitur. Eine Aufführung mit Witz und Geist, vollendeter Grandezza und Authentizität.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare