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Mit den Händen in den Hosentaschen gegen Konsum: Wie Jens Sparschuh über Angebote und über Ordnung denkt

Für seinen Roman "Im Kasten" über den Ordnungsfanatiker Hannes Felix wurde Jens Sparschuh für den Leipziger Buchpreis nominiert. Nun, am Sonntag, 23. September, gastiert der Schriftsteller zur Lesung in Hameln. Julia Marre hat vorab mit ihm gesprochen - über Ordnung und Konsum.

veröffentlicht am 20.09.2012 um 16:26 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 20:21 Uhr

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Von Julia Marre

Hameln. Für seinen jüngsten Roman „Im Kasten“ war Jens Sparschuh im Frühjahr für den Leipziger Buchpreis nominiert. Am Sonntag gastiert der Schriftsteller zur Lesung in Hameln: In der Matinee der Bibliotheksgesellschaft liest der Berliner Schriftsteller am kommenden Sonntag um 11.15 Uhr aus seinem Roman.

Herr Sparschuh, die Hauptfigur in Ihrem Roman „Im Kasten“, Hannes Felix, ist ein Ordnungsfetischist. Wie ordentlich sind Sie eigentlich?
Diese Frage …

… haben Sie vermutlich schon häufiger gehört.
Ja. Und ich antworte dann, dass ich insofern ordentlich bin, dass ich immer finde, was ich suche. Es gibt sehr verschiedene Ordnungssysteme – und das habe ich aus meinem Roman gelernt – man muss sich nur in seinem eigenen System orientieren können. Hannes Felix sitzt in einer Auslagerungshalle und muss Leuten dabei helfen zu entscheiden: Was brauchen sie nie wieder? Was könnten sie vielleicht doch noch einmal gebrauchen. Eine kluge Journalistin vom Bayerischen Rundfunk hat über meine Bücher mal geschrieben: Im Roman „Der Zimmerspringbrunnen“ kommt viel unnützer Kram in die Wohnungen rein, in „Im Kasten „kommt er wieder raus. So schließt sich der Kreis.

Wenn Sie sagen, Sie finden sich in Ihrem Ordnungssystem zurecht, würden Sie sagen, Sie sind durchschnittlich ordentlich?
Speziell ordentlich, würde ich sagen.

Ordnung kann ja auch leicht zum Zwang werden. Wie sah Ihre Recherche für die Ordnungsangelegenheiten in „Im Kasten“ aus?
Selbstbeobachtung. Ich habe einmal formale Logik studiert, das ist schon lange her. Dabei habe ich mich mit Ordnungssystemen beschäftigt und geschaut: Was gehört zur Menge A? Was gehört nicht zu Menge A? Irgendwann war ich freiberuflich tätig und habe mich auf diese Form der Mengenlehre besinnt. Wie schafft man es nur, Ordnung in die Welt zu bringen, habe ich mich gefragt. Denn egal, ob es die Steuererklärung ist – viele Leute haben komplexe Systeme, mit denen sie nicht klarkommen.

Inwiefern?
Man beobachtet an sich selbst, dass man in solchen Situationen widerrechtlich Abhilfe zu schaffen versucht. Man legt zum Beispiel auf dem Computer einen Ordner namens „Verschiedenes“ an. Denn dort hinein kann man alles schieben, was man nicht zuordnen kann. Erschwert wird die Sache noch dadurch, dass man ja, wenn man Ordnung schaffen will, zwischen Wichtigem und Unwichtigem unterscheidet. Wenn aber alles gleichermaßen unwichtig ist, hat man ein Problem.

Wie sieht das auf Ihrem Rechner aus?
Also ich gebe mir Mühe, wenn ich zum Beispiel einen Roman schriebe, jede einzelne Arbeitsstufe noch mal abzuspeichern. So lässt sich nachvollziehen, welche Bewegung der Text nimmt. Es hilft beim Weiterarbeiten. Uns stehen ja riesige Speicherkapazitäten zur Verfügung. Da gönne ich es mir schon, die Zwischenstufen nachzuverfolgen – wann ich ein Kapitel verschlankt, wann etwas dazugeschrieben habe.

Arbeiten Sie denn an Ihren Romanen kontinuierlich von Kapitel zu Kapitel?
Meine Ordnung sieht so aus, dass ich am Morgen anfange, und zwar am liebsten mit Bleistift und Papier. Später schalte ich den PC an, den Weltirrsinn, und tippe das, was ich auf Papier geschrieben habe, am Computer ab. Den Text drucke ich am Abend irgendwann aus. Deswegen beginne ich am nächsten Morgen nicht vor dem weißen Blatt Papier, sondern träume mich langsam wieder in den Text.

Also schreiben Sie zuhause – und nicht wie viele gern erzählen mit dem Laptop in Cafés …
Genau, da gibt’s ja verschiedenste Methoden. Ich schreibe ja neben Romanen auch Hörspiele und Kinderbücher, die schreiben sich tatsächlich anders als ein klassischer Roman. Hörbücher schreibe ich manchmal am Stück und korrigiere im Nachhinein. Aber Romane sind ja die Langstreckendisziplin. Hans Fallada hat sie immer komplett am Stück geschrieben und ist danach vor Erschöpfung zusammengebrochen. Das muss ja auch nicht sein.

Hannes Felix, der Held aus „Im Kasten“, ist ein obsessiver Sortierer. Wie sind eigentlich bei Ihren Lesungen die Reaktionen auf seine Macke: Erkennen sich viele Menschen in ihm wieder?
Erstaunlicherweise ja. Wenn man nach dem Klappentext geht, denkt man, er sei eine schräge, abseitige Figur. Aber, oh Gott, das ist einer von uns. Es handelt sich bei ihm gar nicht um eine Figur am Rande der Gesellschaft. Und nebenbei bemerkt: Das Phänomen der Messies ist mittlerweile auch auch im Fernsehprogramm angekommen; auf Kabel eins holt eine Moderatorin die Messies aus ihrer zugemüllten Wohnung.

Ja, das stimmt …
Da gibt es Menschen, die 120 Aldi-Tüten haben und sich von keiner trennen können. Es gibt einfach ein Zuviel an Materie, ein Zuviel an Angeboten. Und das richtet den Fokus auf ein zentrales Problem der Gesellschaft: Sie funktioniert nur, wenn sie immer weiter wächst. Auf der anderen Seite schwinden auf der Welt die Ressourcen zusehends.

Weil er die Problematik der Konsumgesellschaft thematisiert, gilt Ihr Roman auch als ein Zerrspiegel. Wie versuchen Sie selbst, sich dem Immer-Weiter der Konsumgesellschaft zu widersetzen?
Wenn man die Hände in den Hosentaschen lässt, kann man keinen Vertrag unterschreiben. Das hat mir mal jemand aus Hameln gesagt. Und es stimmt, dann passiert nämlich gar nichts. Wenn man es schafft, ein bisschen von der Seite darauf zu gucken, dann bleibt man davon fern. Es gibt ja jede Saison etwas Neues – und im Grunde genommen ist es immer dasselbe. Als Autor kümmere ich mich gerne um Bücher, die schon vor Längerem erschienen sind. Ich lese zum Beispiel Nikolai Gogol oder Anton Tschechow.

Und welches Buch liegt zurzeit auf Ihrem Nachttisch?
Dort steht nur ein Wasserglas, ich lese abends nicht im Bett. Aber auf meinem Arbeitstisch liegt von Vladimir Sorokin „Der Schneesturm“, ein ganz wichtiges Buch.

 



ZUR PERSON

In Chemnitz wurde Jens Sparschuh geboren, in Ost-Berlin wuchs er auf. Philosophie und Logik studierte er in Leningrad, promovierte 1983 in Berlin und ist seither freischaffender Schriftsteller. Der 57-Jährige hat bereits viele Hörspiele, Kinderbücher und Romane veröffentlicht und Werke über Schiller und Hebbel herausgegeben. Bekannt wurde er 1995 durch seinen Roman „Der Zimmerspringbrunnen“. Bereits 2000 und 2007 gastierte er bei der Bibliotheksgesellschaft Hameln in der Pfortmühle.



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