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"Menschen zum Nachdenken zu bewegen, das ist mein Ziel"

Legende, Urgestein, Altmeister, Idol – das sind Begriffe, die gebraucht werden, wenn es um Dieter Hildebrandt geht. Und um seine Bedeutung für das politische Kabarett in Deutschland. Cord Wilhelm Kiel sprach mit dem Kabarettisten.

veröffentlicht am 02.05.2011 um 15:27 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 20:21 Uhr

hildebrandt
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Stadthagen. Legende, Urgestein, Altmeister, Idol – dies sind Begriffe, die gebraucht werden, wenn es um Dieter Hildebrandt und seine Bedeutung für das politische Kabarett in Deutschland geht. Schließlich steht der gebürtige Schlesier seit den frühen fünfziger Jahren auf den Kabarett-Bühnen der Republik, gründete die Münchner Lach- und Schießgesellschaft und ist als Erfinder und Gastgeber der Fernsehprogramme „Nachrichten aus der Provinz“ und „Scheibenwischer“ so etwas wie der Pate der Kabarett-Szene. Obwohl Dieter Hildebrandt am 23. Mai 84 Jahre alt wird, hat er nichts von seinem Elan und seiner politischen Schärfe verloren. Sein neues Programm „Ich kann doch auch nichts dafür!“ zeigt er am Freitag, 6. Mai, um 20 Uhr in der Aula des Ratsgymnasiums Stadthagen. Cord Wilhelm Kiel sprach vorab mit dem Kabarettisten.

Herr Hildebrandt, wie kommt das Programm zu seinem Namen „Ich kann doch auch nichts dafür!“?
Das ist ein Satz, den ich mein Leben lang immer wieder gehört habe, wenn etwas schief lief oder jemand mit etwas nichts tun haben wollte. Ob es sich um die Deutsche Bahn handelt, bei der wieder einmal etwas nicht geklappt hat, oder die Bundeskanzlerin, die wieder einmal keine Lösung für ein wichtiges Problem weiß. Ich will aber damit auch sagen: Ich habe ebenfalls keine Lösungen …

Das klingt beinahe resigniert. Wie beurteilen Sie denn die politische Situation?
Die Ratlosigkeit der Wähler, die der Politik zusehen, ist heute genau so groß wie die Ratlosigkeit derer, die diese Politik betreiben. Wir sind also zwischen aktiven und passiven Politikern im Patt. Es müssten eigentlich ständig Neuwahlen stattfinden – zu denen dann aber doch wieder die immer gleichen Protagonisten antreten würden wie zuvor, sodass sich durch diese Wahlen nichts verändern würde. Die Lage ist in der Tat so, dass man den Spruch „Ich kann doch auch nichts dafür“ von allen Seiten her hört.

Wollten Sie, der seit so vielen Jahrzehnten den Politikern auf den Zahn fühlt, denn nicht schon einmal selbst Politik machen?
Nein, Gott bewahre! Ich habe mir durch meinen Beruf die absolute Freiheit, das sagen zu können, was ich auch sagen will, selbst geschenkt. Diese Freiheit möchte ich mir nicht nehmen lassen. Wäre ich Politiker, hätte ich diese Freiheit nicht.

Ist es richtig, dass dies Ihr erstes „echtes“ Kabarettprogramm seit Jahren ist, nachdem Sie zuvor mit Lesungen auf Tournee waren?
Auch dieses Programm ist eine Lesung, allerdings nicht, wie zuvor, die Lesung eines Buches, sondern neuer Texte. Eine Hälfte des Programms ist aber auch frei gehalten, wobei dieser Teil jeden Abend neu interpretiert wird, da er sehr aktuell ist und ich immer wieder das Tagesgeschehen einbringe. Ich finde, das Programm ist schneller und rasanter als meine früheren Darbietungen.

Sie gelten als Urvater des politischen Kabaretts in Deutschland. Mögen Sie diesen Titel?

Wenn ich mir anschaue, wie „Urgestein“ aussieht – also meistens ziemlich bröckelig, und verwittert –, dann ist diese Bezeichnung wenig schmeichelhaft. Manche sagen auch, ich sei eine Legende, aber Legenden sind doch Geschichten, Märchen! Ich bin kein Märchen und auch keine Geschichte – ich bin ganz real da. Es ist aber schon richtig, dass ich seit vielen Jahren Menschen zum Nachdenken anrege – mir sagen heute oft Menschen, die mich vor Jahren oder Jahrzehnten gesehen haben, dass ich ihr politisches Denken beeinflusst habe.

Wie beurteilen Sie die Gattung Comedy und die vielen Comedians, die vor allem medial sehr präsent sind?
Die Gattung ist ja nicht neu, sondern der englische Begriff dafür. Ein Comedian hieß früher Komiker. Und Komik sowie Komiker habe ich immer geschätzt und schätze sie auch heute noch, denn es gab und gibt sehr gute Komiker. Das politische Kabarett hat sich aber andere Ziele gesetzt: Fest gefügte Meinungen einmal von einer anderen Seite zu betrachten, und dadurch Menschen zum Nachdenken zu bewegen. Das ist immer mein Ziel gewesen.

Um die Nachfolge des „Scheibenwischers“, Ihrer wohl populärsten TV-Kreation, gab es Auseinandersetzungen. Die Sendung heißt jetzt „Satiregipfel“ und wird von Dieter Nuhr moderiert. Wie gefällt Ihnen die Sendung?
So, wie sich der „Satiregipfel“ im Moment gibt, halte ich ihn nicht mehr für politisches Kabarett. Das war schon unter Richling erkennbar, aber seitdem Nuhr Gastgeber ist, umso mehr. Ich schalte nur noch selten ein.

Wie ist es mit „Neues aus der Anstalt“ und „Mitternachtsspitzen“?

Das ist alles, was vom politischen Kabarett im Fernsehen übrig geblieben ist. Es sind zwei sehr gute Sendungen.

Ist aber nicht auch die „Anstalt“ durch den Weggang von Georg Schramm eher zahm und langweiliger geworden?
Das sehe ich nicht so, denn auch Frank-Markus Barwasser als Erwin Pelzig ist ein sehr guter Kabarettist. Aber natürlich fehlt Schramm. Am liebsten würde ich ihn, Pelzig und Urban Priol zu dritt auf einer Bühne sehen! Schramm hat dem Fernsehen entsagt, um wieder mehr auf der Bühne zu stehen. Das finde ich irgendwie sympathisch.

Was Live-Aktivitäten betrifft, gibt es ohnehin eine Renaissance des politischen Kabaretts sowie viele junge Künstler, die auf die Kleinkunstbühnen drängen. Sehen Sie unter diesen einen Nachfolger?
Es gibt keinen Nachfolger, denn jeder gute Kabarettist ist auf seine Art einzigartig. Es gibt aber eine Menge guten Nachwuchs! Das politische Kabarett war im Übrigen nie ganz weg. Aber es war eine Zeit lang eine freie Unterhaltung in Mode, also leichte Themen aus dem Boulevard ohne wichtige Inhalte. Ich wusste aber immer, dass das Interesse an wirklichen Themen wiederkommen wird – und das ist nun mal die Politik!

Sie sind wirklich schon lange Zeit aktiv. Im Mai werden Sie 84 Jahre alt. Haben Sie ein besonderes Rezept, um eine Tournee mit Auftritten an fast jedem Abend, dazu Fernsehauftritte und Filmaufnahmen in diesem Alter zu schaffen?
Ich komme durch! Mir macht ein Auftritt körperlich keine Probleme, ebenso wenig eine Tournee. Ich lebe vernünftig, aber auch nicht wie ein Asket oder Spitzensportler. Ich schaffe das, weil ich immer noch neugierig auf das bin, was mich an jedem Abend erwartet. Jeder Auftritt ist anders. Jedes Publikum reagiert anders und stellt neue Herausforderungen. Jeden Abend diese Herausforderungen zu meistern, ist ein enormer Energiezuwachs.

Werden Sie auch noch mit 90 Jahren auf der Bühne stehen?
Das weiß ich doch jetzt noch nicht! Allerdings: Mit jedem Jahr, das ich älter werde, wird es spannender, zu sehen, was passiert …

Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?
Ich habe eigentlich keine Pläne, außer, dass ich in diesem Jahr zwischen 140 und 160 Bühnenauftritte haben werde. Ich drehe allerdings momentan auch einen hoffentlich sehr komischen Spielfilm, in dem ich meine Rolle aus „Kir Royal“ wieder aufnehme – allerdings natürlich knapp dreißig Jahre später. Von der Ausrichtung her wird der Film aber anders, denn „Kir Royal“ war schließlich eine Fernsehserie, also eine komplett andere Gattung.

Und was machen Sie, wenn Sie nicht auf der Bühne oder vor der Fernsehkamera stehen?

Ich lebe! (lacht) Meine Hobbys, wenn man es denn so nennen kann, sind Bücher, Sport und das Leben mit meiner Frau und meiner Familie.



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