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Starker Auftritt: „Jethro Tull“

Melodien, Spuck- und Grunzlaute

SALZGITTER. „Living in the Past“ heißt ein Song der britischen Rockband Jethro Tull. Und auf dem Debütalbum zeigen sich die vier Musiker bereits als Greise. Von denen ist nur noch Mastermind Ian Anderson dabei. Zum 50. Band-Geburtstag taucht der seit Freitag 71-Jährige noch einmal weit ein in die Vergangenheit.

veröffentlicht am 12.08.2018 um 22:35 Uhr

Virtuos und charismatisch: der Flötist der britischen Rockband Jethro Tull, Ian Anderson, in seinem Element. Foto: Steve C. Mitchell/dpa
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Martin Jedicke Reporter
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Allein fünf Lieder der ersten Platte „This Was“ werden zu Tage gefördert. Vom Blues geprägte Stücke, die Anderson, wie er am Samstagabend im Hof des Schlosses von Salzgitter-Salder erzählt, für seinen Art-College-Kumpel Jeffrey oder seinen damaligen Drummer Clive Bunker schrieb. Letzter habe das Schlagzeugsolo gern mal auf „Stunden, Monate, Jahre“ ausgedehnt. Sowas sei heute tabu. Trotzdem darf Scott Hammond in einem Drumsolo seine Fähigkeiten zeigen. Der selten gespielte Country-Blues „Some Day the Sun Won’t Shine for You“ erinnert an den Ur-Gitarristen Mick Abrahams, der die Band verließ, als Anderson das Soundspektrum erweitern wollte.

Die 2500 meist mit der Band gealterten Zuschauer genießen das Leben in der Vergangenheit, das sich überwiegend in der erfolgreichen und stilprägenden Dekade von 1968 bis 1978 abspielt. „Songs from the Wood“ und „Heavy Horses“ erinnern an die bukolisch-folkloristische Phase, „Thick as a Brick“ in der edierten Singlefassung und „Aqualung“ mit verfremdeter Stimme und Jahrhundert-Riff führt den Artrock der Konzeptalben vor und die einzige Zugabe, „Locomotive Breath“, beendet das 90 Minuten kurze Konzert. John O’Hara baut am Keyboard die Spannung auf, ehe die Band einsetzt und die Lok aus dem Bahnhof lässt. Ein Stampfen und Schnaufen, wenn das Eisenross Fahrt aufnimmt.

Dreimal geht es zuvor noch weiter in die Vergangenheit zu Bachs „Bourrée in e-Moll“ und „Toccata und Fuge“ – Florian Opahles Steilvorlage, um seine eindrucksvollen Gitarrenkünste vorzuführen. Von dem legendären König Henry VIII. stammt das mit Spinettklängen verzierte Stück „Pastime with Good Company“.

Komplettiert wird das Line-up durch den Bassisten David Goodier, der zusammen mit O’Hara Anderson vokal unterstützt. Das ist besonders bei den A-Cappella-Passagen von Nöten, denn Andersons Stimme hat gelitten. Der Schotte gleicht dies aus mit einem stakkatohaften Gesang, der die Höhen nur ertastet. Dafür sitzt das markante Querflötenspiel: Melodien, Spuck- und Grunzlaute, atemberaubende Glissandi, Anderson in Flamingo-Haltung. Die Frontman-Attitüde beherrscht Anderson aus dem Effeff und freut sich wie Bolle, dass der heute angesagteste Bluesrock-Gitarrist, Joe Bonamassa, „A New Day Yesterday“ gecovert hat. „It was a new day yesterday, but it’s an old day now“, singt Anderson und der kühle Hauch der Vergänglichkeit weht über den Schlosshof, während hinter der Bühne die Sonne versinkt.



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