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Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion unter der Leitung von Stefan Vanselow

Maßstäbe gesetzt

HAMELN. Am 11. März 1829, rund 100 Jahre nach der Komposition, erlebte Leipzig die erste Wiederaufführung der bis dahin in Vergessenheit geratenen Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach. Die Leitung dieser Wiedergeburt hatte ihr Entdecker Felix Mendelssohn Bartholdy, der das umfangreiche Werk zunächst um elf Arien und etliche Rezitative kürzte.

veröffentlicht am 18.04.2017 um 08:12 Uhr

Was zeichnete diese Interpretation aus? Sicher war es unter vielem Stefan Vanselows Umgang mit Tempo und Pausen. Foto: Dana
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Karla Langehein Reporterin
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Damit begann die sogenannte Bach-Renaissance und mit ihr die bis heute andauernde Diskussion und Suche nach dem originalen Notentext, der originalen Klang-Gestalt des Werkes, nach der ihm am nächsten kommenden Anzahl der Chorsänger und dem Instrumentarium – und nicht zuletzt nach Einzelheiten der Aufführungspraxis der Bachschen Zeit. Die Ergebnisse seit Mitte des 20. Jahrhunderts sind vielfältig. Nach Karl Richters romantisch angehauchtem Klangideal und Karajans personenreicher Gesamtbesetzung ist es hauptsächlich Harnoncourt zu danken, dass Aufführungen in historischer Besetzung stetig an Bedeutung gewannen.

Unter der Leitung von Kirchenkreis-Kantor Stefan Vanslow verbanden sich in diesem Jahr die Mitglieder der Hamelner Kantorei, der Jugendkantorei Hameln sowie des Hauptchores der Kinderkantorei Hameln zu einem eindrucksvollen Ensemble. Gleich, ob in den Choralsätzen oder Volksszenen: Stets waren ein in sich runder, ausgeglichener Zusammenklang, gute Textartikulation und stabile Intonation selbst beim so heiklen „Barrabam!“ zu bewundern. Eine großartige Leistung!

Die instrumentale Basis der Aufführung war in den Händen des ausschließlich auf historischen Instrumenten spielenden „Ensemble Antico“ bestens aufgehoben. Nicht zuletzt, weil die Arien der Matthäus-Passion in ihrer Mehrzahl von einem solistisch geführten Blas- oder Streichinstrument begleitet werden, ist hohe Spielkultur gefragt, und die zeichnet dieses junge Ensemble aus. Als herausragendes Beispiel sei hier stellvertretend die Gestaltung der die Judasarie begleitenden Violinstimme erwähnt. In mancher Interpretation kaum mehr als virtuose Girlande, wurde sie hier zum prägnanten Ausdruck der Verzweiflung des Verräters.

In dessen Rolle gastierte Michael Jäckel zum ersten Mal in Hameln. Seine Stimme überzeugt im baritonalen Bereich mit angenehmer Leichtigkeit und in der Tiefe mit ausdrucksstarker Schwärze. Sein Bassisten-Kollege Hans Christian Hinz ist in Hameln schon aus früheren Mitwirkungen in bester Erinnerung. Nun trat er mit der profunden Gestaltung der Jesus-Partie in Erscheinung. Auch in der Besetzung der beiden Frauenrollen mit Anna Bineta Diouf und Sophia Körber begegneten den Hamelner Musikfreunden alte Bekannte, denen eine anrührende Gestaltung des Duetts „So ist mein Jesus nun gefangen“ gelang.

Die umfangreichste Gesangspartie fällt in allen Oratorien dem erzählenden Evangelisten zu. In Hameln erfüllte der 1991 in Hannover geborene Georg Drake diese Rolle. Seine Stimme hat bis in die größte Höhe Wärme und Leuchtkraft, und sein Erzählstil nimmt den stellenweise etwas sperrigen Rezitativen alle Künstlichkeit. Nun stand der weit über die Grenzen Hannovers gefragte Sänger an der Spitze des Solistenquintetts und im Zentrum einer Aufführung, mit der Kreiskantor Stefan Vanselow Maßstäbe setzte.

Was zeichnete diese Interpretation aus? Sicher war es unter vielem Vanselows Umgang mit dem Tempo und mit Pausen. Es war die Konsequenz, mit der er innerhalb einzelner Abschnitte das Tempo nicht gemäß geltender Tradition zwanghaft durchhielt, sondern es je nach Textsinn minimal schleifen oder anziehen ließ. Dasselbe gilt für die Gestaltung der Choralsätze, deren Zeilenenden nicht automatisch in einer der gemeinhin üblichen Fermaten mündeten. Auch in größeren Zusammenhängen fiel die subtile und instinktsichere Tempowahl ins Gewicht. Beispielsweise, wenn Vanselow nach der sich im Garten Gethsemane in zunehmender Verlassenheit quälend hinschleppenden Nacht und dem darauf folgenden Chor „Wo hat sich dein Freund hingewandt“ mit der Tenorarie fast ansatzlos in höchste Aktion wechselte, indem er den bohrenden Charakter der punktierten Begleitstimmen mit extrem scharfer, schmerzhafter Artikulation unterstrich.

Kleinigkeiten? Sicherlich. Aber sie unterstrichen die Unfassbarkeit des Geschehens. Dem konnte sich vermutlich kein einziger Hörer entziehen. Nach dem letzten Ton stand absolute Stille im Raum – bis die Marktkirchen-Glocken vom Ende eines Gottesdienstes kündeten …

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