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Mahler und Brahms: eine dramatische Totenfeier

Von Karla Langehein

Hameln. Als am Vorabend des Totensonntags der Weg in die Marktkirche zwischen die Buden des in Kürze eröffnenden Weihnachtsmarktes führte, wurde auch rein äußerlich der enge Zusammenhang zwischen Geburt und Tod deutlich. Draußen Vorfreude auf die Geburt, drinnen, im Kirchenraum, Totengedenken und Trost in musikalischer Form.
 Das Deutsche Requiem sowie der zehn Jahre früher entstandene „Begräbnisgesang“ von Johannes Brahms standen auf dem Programm, das mit einer Rarität begann: Gustav Mahlers „Todtenfeier“. Komponiert 1888 und von Hans von Bülow mit dem Satz quittiert „Wenn das noch Musik ist, dann verstehe ich nichts mehr von Musik“ – daraufhin 1893 von Mahler (übrigens substanziell nicht entscheidend) umgearbeitet und als Kopfsatz der zweiten Sinfonie eingesetzt, aber gleichwohl acht Jahre später als eigenständige Komposition mit dem Untertitel „Symphonische Dichtung“ bei B. Schott’s Söhne in Druck gegeben.

veröffentlicht am 21.11.2010 um 14:39 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 09:41 Uhr

kultur
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Von Karla Langehein

Hameln. Als am Vorabend des Totensonntags der Weg in die Marktkirche zwischen die Buden des in Kürze eröffnenden Weihnachtsmarktes führte, wurde auch rein äußerlich der enge Zusammenhang zwischen Geburt und Tod deutlich. Draußen Vorfreude auf die Geburt, drinnen, im Kirchenraum, Totengedenken und Trost in musikalischer Form.
 Das Deutsche Requiem sowie der zehn Jahre früher entstandene „Begräbnisgesang“ von Johannes Brahms standen auf dem Programm, das mit einer Rarität begann: Gustav Mahlers „Todtenfeier“. Komponiert 1888 und von Hans von Bülow mit dem Satz quittiert „Wenn das noch Musik ist, dann verstehe ich nichts mehr von Musik“ – daraufhin 1893 von Mahler (übrigens substanziell nicht entscheidend) umgearbeitet und als Kopfsatz der zweiten Sinfonie eingesetzt, aber gleichwohl acht Jahre später als eigenständige Komposition mit dem Untertitel „Symphonische Dichtung“ bei B. Schott’s Söhne in Druck gegeben.
 Es war der Dirigent und Komponist Peter Rudzicka, der die Aufmerksamkeit auf das lange Zeit unbeachtete Werk lenkte. In Hameln erklang es nun nicht in der opulenten Mahlerschen Besetzung, sondern in einer Substanz wahrenden, für den Kirchenraum notwendigen Kürzung des Orchesterapparats durch Andreas Tarkmann und Matthias Bucher. Ein grandioser Auftakt zu einem großen Konzert.
 Am Pult der in Hameln bestens bekannten Jenaer Philharmonie stand Hans Christoph Becker-Foss und entfesselte mit voller Kraft die emotionale Vielfalt dieser Musik, ihre eruptive Heftigkeit, in der das markante c-Moll-Thema der Holzbläser und das im Tempo nachgebende E-Dur des Streichermotivs wie Inseln des Schmerzes und der Ruhe wirken.
 Auf ganz andere Art wuchtig wirkt Brahms‘ symmetrisch angelegter „Begräbnisgesang“. Die überwiegend syllabische Textbehandlung in Kombination mit der Original-Instrumentation, die sich auf Pauken und Blechbläser beschränkt, erzeugt ein hohes Maß an Strenge und Unabänderlichkeit - einen Eindruck, den die von Becker-Foss nun eingesetzte Streicherbegleitung der Chorstimmen abmilderte. Der Klang wurde weicher, und zudem erhielt der hervorragend deklamierende Chor eine verlässliche Intonationsstütze.
 Die ist, wenn es ums Requiem geht, selbst Profichören gelegentlich sehr willkommen, denn Brahms fordert dort den Mittelstimmen harmonische Sattelfestigkeit und den Sopranen immer wieder extreme Höhen ab. Das trifft vor allem auf den sechsten Satz des Requiems zu, der den Chor noch einmal besonders fordert. Dass dies auch zu hören war, fällt aber angesichts der großartigen Gesamtleistung nicht ins Gewicht. Drei Chöre, die Hamelner Kantoreichöre und das göttinger vokalensemble mit insgesamt 175 Sängern, intonierten die Brahmsschen Harmonien mit großer Sicherheit und realisierten eindrucksvoll die von Becker-Foss vorgegebene, in sich stimmige hochdramatische Auslegung des Werks. Da schwand im zweiten Satz sogar der Abstand zwischen dem „kühlen“ Norddeutschen und dem glühenden Dies Irae von Verdi. Das Orchester musizierte aufmerksam – hervorragend die Streicher, Holzbläser und Posaunen und nicht zuletzt der Pauker, der seine Wirbel unter der Kanzel sitzend schlagen musste.
 Dass die beiden Gesangssolisten im Requiem nur so kurz zu hören sind, wird oft bedauert –, was insbesondere bei dieser Aufführung zutrifft. Da erfüllte die junge Berliner Sopranistin Johanna Winkel mit ihrer auch in den Pianissimo-Höhen sicher geführten Stimme die tröstende Botschaft des fünften Requiemsatzes. Und Henryk Böhm fügte sich mit deklamatorischer Ausdrucksstärke und Wandlungsfähigkeit seines Baritons perfekt in die mit ihrer Dramatik mitreißende und überzeugende Gesamtkonzeption, für die alle Mitwirkenden, allen voran Becker-Foss, mit begeistertem Beifall gefeiert wurden.

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