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Bei der Nussknacker-Aufführung mit dem St. Petersburger Festival-Ballett stehen Tanznummern im Vordergrund

Märchenhafte Erzählung bleibt auf der Strecke

HAMELN. Das Weihnachtsstück schlechthin – Heiligabend und übergroß präsent: der Christbaum. Fast schon ein bisschen spät für Tschaikowskis „Der Nussknacker“ – auch wenn der natürlich immer und überall getanzt werden kann. Nach Weihnachten ist allemal vor Weihnachten – kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass eines der beliebtesten Ballette diesmal eher schwach besucht war. Zu oft schon gastierten Compagnien aus Moskau oder St. Petersburg in Hameln, meist in der Rattenfängerhalle. Und einmal sogar als „Nussknacker on ice“ auf Schlittschuhen.

veröffentlicht am 23.01.2019 um 16:58 Uhr
aktualisiert am 23.01.2019 um 19:21 Uhr

Elizaveta Bogutskaya und Aleksandr Abaturov beeindruckten mit kraftvollen wie federleichten Sprüngen. Foto: geb
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Richard Peter Reporter

Am Dienstagabend gastierte das 2009 gegründete St. Petersburger Festival Ballett im Theater und beruft sich auf die Uraufführungs-Choreografie von Marius Petipa, die nach einer Erkrankung des großen Ballett-Zauberers von Lew Iwanow übernommen wurde. Beide hatten sehr präzise Wünsche an den Komponisten – nicht nur für den Auftritt von Onkel Drosselmayer, für den sich Petipa 16 bis 24 Takte „furchteinflößende, aber komische Musik“ wünschte.

Schade, dass die Choreografie, die hier gezeigt wird, vermutlich ökonomisch bedingt, Veränderungen aufweist und die Geschichte anders erzählt, als vor 127 Jahren, als beispielsweise für das Glockenspiel noch Marketenderin, Soldat, Harlekin und Kolumbine einen reizvollen Pas de quatre tanzten. Wenigstens der so traditionelle „Großvatertanz“, Schlusspunkt bei Festlichkeiten, ist geblieben. Aber warum muss der Nussknacker schon jetzt Jungen-Größe besitzen?

So theatralisch, mit vielen Lichteffekten gestaltet, der Kampf zwischen Nussknacker und Mäusekönig mit ihren Truppen – der Weg zur Zuckerfee führt nur scheinbar durch einen Schneesturm – im Programmheft wird ein Bild mit Winterwald gezeigt, das in der Aufführung ausgespart blieb. Und weit und breit kein Schneekönig mit seiner Königin, die für Klara tanzen würden. Muss sie alles selber machen.

Und dasselbe Dilemma im Königreich der Süßigkeiten, wo Klara von der Zuckerfee ein Fest bereitet wird und der Nussknacker sich in einen Prinzen verwandelt. Und extra für den Gast – der gar nicht zuschauen kann – die berühmten Divertimenti mit spanischem Tanz, abgelöst von einem arabischen, dann die hüpfenden Chinesen, der Kosakentanz, die Rohrflöten und schließlich „Der Blumenwalzer“ und als Höhepunkte die Pas de deux mit Solo-Variationen. Ensemble-Finale ohne Solisten – schließlich Apotheose ohne Apotheose. Das war’s und in die Applauschoreografie reingeschummelt, Drosselmayer mit Klara auf dem Arm, die das alles vor dem Christbaum geträumt hat. Aber der vermutlich bereits entsorgt. Schade, dass von der so märchenhaften Erzählung fast nichts mehr übrig blieb – und sich dieses herrliche Erzähl-Ballett willkürlich auf Tanz-Nummern beschränkt. Abgesehen davon besitzt die Compagnie hervorragende Tänzerinnen und Tänzer und ist nicht nur mit den Protagonisten blendend besetzt. Dass sie alle ihre Profession beherrschen, ist offenkundig, auch wenn sich in den Ensembles bereits Ungenauigkeiten einschleichen – kein Wunder bei einem Tournee-Betrieb, wo das Corps de Ballet mehr Zeit im Bus als im Ballettsaal verbringt. Hervorzuheben: Elizaveta Bogutskaya als Klara, ein bezauberndes Mädchen, das als Eiskönigin und Zuckerfee zusammen mit Aleksandr Abaturov – mit ebenso kraftvollen wie federleichten Sprüngen – eine Augenweide ist. Technisch brillant und ausdrucksstark. Bezaubernd die Kostüme – nicht ganz so überzeugend die Musikeinspielungen, vor allem die Ouvertüre mit schrillen Höhen. Warum mit Petipa und Iwanow werben, wenn man sie nicht ernst nimmt. Wie wäre es mit einer eigenständigen Choreografie? Es wäre dem Publikum gegenüber fairer.



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